Abgründe auf La Gomera

letzte Aktualisierung 28.02.2005

 

Prolog & Danksagung

Dies ist die spannende Geschicht meines Gomeraurlaubs.
Bilder folgen.

Ich grüße die Familientherapeutin B. aus F. und H., den ehemaligen Geschäftsführer einer Internetagentur, die mir mit ihren Gesprächen viel Freude gemacht haben.
Und all die anderen, die auch im kältesten Winter, den Gomera je hatte, gefroren haben.

Und viel Kraft für die Hängengebliebenen, die bestimmt mal mit anderen Gefühlen dort geblieben sind, aber nun leider ein ziemlich trauriges Bild abgeben.
Die Zeiten ändern sich und Hippies brauchen heutzutage offensichtlich Strom, Koks und Bier.

Dank an den oder die, der/die seine/ihre Sonnenbrille bei der Ankunft auf Gomera verloren hat, Marke "Brendel Classics". Hat mir gute Dienste geleistet.

Richtig albern - und ein bißchen erbärmlich - finde ich Typen, und das sind gar nicht wenige, die nach dem Schwimmen erst T-Shirt oder Hemd, dann ihre Socken anziehen, dann ihren Kram packen und ganz zuletzt ihre Hose überstreifen. Und wenn dann noch Sandalen oder schlimmer: Assiletten ihr Schuhwerk darstellen, muß ich immer lachen. Danke.

Mein schwäbischer Begleiter ist ein wirklich netter Mensch, er kann inzwischen wieder ohne Krücken laufen.

Technische Unterstützung: ratpak

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1. Donnerstag, 19.02.2004

Aufgewacht bin ich von einem Grollen, was nicht die Baustelle sein konnte.
Nein. Das Rauschen war Regen. Gewitter. Wenn dies meine einzigste Urlaubswoche auf La Gomera wäre, würde ich schon abkotzen.
Jedenfalls habe ich noch keinen Sonnenbrand, obwohl ich schon drei Tage hier bin. Braun bin ich aber auch noch nicht.

Das ganze Valle ist eine Baustelle. Sie bauen eine neue Hafenkaimauer oder sowas, und ca. 2000000 neue Ferienwohnungen. Ich kann niemandem empfehlen, vor Juli 2005 hierher zu kommen. Da unser winziges Appartment sehr spärlich eingerichtet ist, finde ich den Baustellenlärm aber gar nicht so schlimm. So brauche ich mir wenigstens kein Radio zu kaufen. Die Stille, wenn Siesta ist, verursacht Hüttenkoller bei mir.
Gestern wollten wir eigentlich unseren ersten Inselausflug machen, aber die Busfahrer streiken, und so ist kein Entkommen aus dem kleinen Hafendorf möglich. Man kann in Spanien halt nichts planen. "Manjaña" sag ich da bloß.

Es ist wirklich sehr schön hier. Und der mir von den kanarischen Inseln altbekannte metallische Geschmack im Mund, die tränenden Augen, die ewig verstopfte Nase und die brennende Gesichtshaut lassen mich gleich heimisch fühlen. Diese kanarischen Symptome haben aber nichts mit der Sonne zu tun, das weiß ich jetzt. Sonne war noch nicht viel.
Ich glaube, am liebsten bin ich in der Hafenkneipe. Um 16 Uhr legt das Schnellboot an und "die Neuen" kommen. Begrüßt werden sie von "Freiburg 86", ein struppiger schwarz-weißer Köter, der eine Hundemarke der Stadt Freiburg von 1986 trägt. Aber Freiburg hat der Köter garantiert nie gesehen. Sein Herrchen räumt in der Kneipe das Geschirr ab und sieht aus wie ein Pirat. Kann gut sein, daß der Freiburg kennt.
Man spricht Deutsch hier. Schwäbisch, Fränkisch, Berlinerisch. Nur die Spanier hinterm Tresen nicht - sonst würde ich wirklich glauben, ich wäre hier in Kreuzberg.
Die andere wichtige Kneipe ist "die Maria". Da gibts auch auch einen kleinen Strand. Wer hier dazugehören will, muß abends vor der Maria sitzen, Dorada trinken und den Sonnenuntergang beklatschen. Hab ich aber noch nicht gemacht. Manjaña.
Was aber komisch ist, ist, daß ganz viele Touristen hier total verkniffen gucken. Bloß, weil keine Sonne da ist?

Den "Hausberg" haben wir gestern bestiegen, weil ja keine Busse fahren. Das heißt, es gibt hier nichts mehr zu unternehmen. Da es sich eingeregnet hat, werde ich wohl doch ins Internetcafé gehen. Wir sollten uns auch ein größeres Appartment suchen, ich befürchte, daß ich es keine Woche auf so engem Raum mit meinem schwäbischen Begleiter aushalte. Ja, das ist ein guter Plan. Ich hab' nämlich schon ein bißchen Rückenschmerzen von den harten kleinen Küchenstühlen, die einzige Sitzgelegenheit übrigens, aber es gibt keinen Platz, um meine Rückengymnastik zu machen. Ich dachte ja eigentlich, daß ich jeden Tag schwimmen kann, aber das sieht gar nicht so aus. Ich gehöre halt nicht zu den Abgebrühten, die bei Regen ins Hafenbecken springen. Manjaña.

Als wir gestern auf dem "Hausberg" rumgekraxelt sind, veränderte sich plötzlich der Baustellenlärm, der bis in 600m Höhe dröhnte. Erst war ich mir nicht sicher, mein schwäbischer Begleiter horchte auch, aber nur ich nahm es wahr: Sambatrommeln! Wir pausierten an einem nicht ganz so stürmischen Eckchen, und da hörte er es auch. Mit seinem russischen Fernglas suchten wir das Dorf ab, aber es war nichts zu sehen. Die Sambatrommeln und das Pfeifen wurden lauter und leiser, je nach Windstärke- und -richtung. Na klar, nächste Woche ist ja Karneval! Ich bin gespannt.
Den Gipfel habe ich nicht erreicht, weil ich pinkeln mußte, und der Sturm aber viel zu stark war, um irgendwo hinterm Stein mich hinzuhocken. Aber den Rauch der brennenden Müllkippe konnte ich sehen. Und den grandiosen Blick ins Valle.
Kaum waren wir unten, fing es an zu schütten.

Jetzt zieht auch noch dicker Nebel auf! Es donnert und wird richtig unheimlich. Ich denke an "Fog – Nebel des Grauens" von Steven Spielberg und es würde mich nicht wirklich wundern, wenn jetzt ein Enterhaken durch die Appartmenttür durchschlägt.
Mein schwäbischer Begleiter fängt an, Gitarre zu üben und meine Nerven liegen blank. Wie heißt dieses Käfigsyndrom? Nur daß die Gitter hier lange Regenschwaden sind. Himmel, kann er denn mehr, als das Scheißteil zu stimmen? Es donnert. Nein. Es ist doch die Baustelle. Oh kacke, er kann doch spielen, Bob Dylan-Songs, wie passend. Nie wieder mit einem bergsteigenden Hippie verreisen, nie wieder! Schokolade. Ich brauche jetzt Schokolade, ganz viel! Mist, gestern stand ich im Supermercato noch vor den Keksen, leider hatte ich sie nicht gekauft und jetzt kann ich nicht raus hier. Mein Rücken tut weh. Ich lege mich aufs Bett und stell mir vor, ich liege am Strand.
"The House of the rising Sun" - HASS. HASS. HASS. In meinem inneren Ohr singt Sid Vicious "My Way" und The Clash zerschlagen ihre Gitarren dazu. Wo ist mein Nietenarmband? Und warum hört meine blöde Nase nicht auf zu tropfen? Ich setze den Walkman auf.

Es fing schon nicht wirklich gut an vor drei Tagen.
Ich hatte kompletten Arbeitsstress bis zur letzten Minute. Als wir dann in Schönefeld endlich am Montag um 6.30 Uhr abhoben, war ich viel zu kaputt, um meiner Flugangst zu fröhnen. Ich bin es auch nicht gerade gewohnt, daß das Flugzeug vor dem Start enteist werden muß. Der Service von Air Berlin ist aber klasse, wirklich. Eine Minute vor dem Aufsetzen in Nürnberg stand eine dämliche Reisende auf und wollte sich an den Gepäckklappen zu schaffen machen. Die ganze Crew schrie wie aus einem Mund "Hinsetzen!". Zum Glück tat sie das auch und wir setzen im selben Moment auf. Immerhin blieb es mir erspart, daß die Idioten klatschen, noch bevor das Flugzeug steht.
Das gefährlichste am fliegen sind die Mitreisenden.
Im Viehtrieb ging es raus und ich mußte aufs Klo. Alle beiden Frauenklos besetzt und eine lange Warteschlange davor! Danke "preisgekrönter Großflughafen" Nürnberg. Die Zeit reichte dem Herrgott sei Dank und ich konnte mich vor dem zweiten Abheben entleeren. Ich hasse fliegen. Es begrüßte uns ein sehr schnuckeliger "Chef-dü-cabin". Himmel, warum sind alle brauchbar aussehenden Männer schwul? Wir hatten ein paar Turbulenzen und die Landung auf Teneriffa war gewohnt wackelig.
Ein Touristenpäärchen fragte uns, ob wir uns zu viert ein Taxi zum Fährhafen teilen wollen, aber mein schwäbischer Begleiter hatte abgeleht, schließlich kostete das Taxi 20 Euro! Der Bus zur Fähre fuhr aber nicht, also mußten wir das teure Taxi zu zweit bezahlen. Da merkte ich schon, daß dieser Urlaub nicht allzu teuer werden wird. Im Fährhafen kaufte er zunächst die falschen (billigen) Tickets, und wir hüpften in letzter Sekunde in das richtige Schnellboot. Zum Glück war mein riesieger Rucksack nur 12,2 kg schwer – zuzüglich Handgepäck.
Die Überfahrt war ruhig, leider konnten wir durch die salzverkrusteten Fenster nichts sehen, aber wir saßen eh auf der falschen Seite.
Willkommen auf den Kanaren!
Im berühmten Valle Gran Rey gingen wir um 16 Uhr an Land, nach gut 10 Stunden Anreise, und gingen mit dem erstbesten Apartamento-Anbieter mit. Das Appartment war riesig, viel größer als meine 56qm-Wohnung in Berlin, für 5 Personen, und sehr billig, 25 Euro pro Nacht, mit Glotze, Radio, Badewanne, Balkon und Blick auf die Hafenbaustelle inklusive Lärm.
Wir lehnten dankend ab und das war ein Fehler.
Das Valle war ausgebucht. Um 18.30 Uhr war meine Stimmung am Boden, ich war totmüde, meine Füße schmerzten und ich hätte zu gerne losgeheult.
Wir setzten uns vor die "Maria" und ich trank meinen ersten Rioja zum Spottpreis von einem Euro. Mein schwäbischer Begleiter war jetzt in seiner Ehre gefragt, er ließ mich mit dem gesamten Gepäck zwischen den Betrunkenen sitzen und kam nach einer guten Stunde mit der frohen Botschaft des gefundenen Appartments zurück.
Ich war glücklich – bis ich es sah. Es kostete auch 25 Euro, hatte aber nur ca 20 qm aber immerhin einen winzigen Balkon mit Blick auf einen kleinen Ausschnitt Hafenbucht mit Baustelle. Daß überall Baustellen waren, wußten wir ja inzwischen schon.
Naja, das Wetter war leicht bedeckt, aber das ist ja immer so auf den Kanaren, wenn man ankommt. Bei mir jedenfalls.
Am ersten Tag liefen wir gemütlich den kleinen Küstenstreifen ab, damit ich mich orientieren konnte.

Oh Gott - jetzt singt er auch noch!!! HASS! Ich stelle den Walkman lauter.

Am zweiten Tag machten wir die kleine Hausberg-Tour, weil keine Busse fuhren. Und nun ist der dritte Tag da und es gibt nichts mehr zu tun.
Außer, ein größeres Appartment zu suchen. Und die Nerven zu bewahren.
Noch 2,5 Wochen hier in dem kleinen Nest. Wenn wir Pech haben und die Busfahrer weiter streiken oder an Fasching eh' nicht arbeiten. Es sieht ganz danach aus.
Inzwischen ist die SMS meiner Kollegin angekommen, daß wir unseren Internetjob behalten und ich freue mich. Schade nur, daß ich die Kohle jetzt nicht verdiene. Aber ich glaube, es wird alles gut und wir werden Karriere machen.

Wir haben auch ein größeres Appartment gefunden, sieht ein bißchen aus wie meine Wohnung in Berlin, mit Terrasse aber wieder keine Glotze und kein Radio. Ich bin aber zu kraftlos, um weiter zu suchen. Morgen ziehen wir um.

Ich krieg 'ne Grippe. Mein schwäbischer Begleiter stapft draußen im Regen rum und ich versuch' mich auszukurieren. Die Aspirin werden hoffentlich helfen.
Es kann nur besser werden.
Ich phantasiere.
Waldbrand auf La Gomera. Orkanstärke 11. 80l Wasser pro qm/sec.
Mein Gesicht ist heiß.
Ich hab mein Nietenarmband umgelegt.
Hanoi ist eine Stadt in Vietnam und ein häufiges Wort auf La Gomera.

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1. Samstag, 21.02.2004

Gestern waren Himmel und Meer nicht mehr so zornig. Es war trotzdem noch sehr beeindruckend - so sehr, daß halbe Dorf auf den Hafensteinen stand und staunte
Die Wellen waren riesig und wollten offensichtlich den Hafen und die grinsende Esogemeinschaft verschlingen. Und sie kamen näher.
Wir liefen die Küste - quatsch, natürlich den Strand entlang bis zur berühmten "Maria".
Die Flut stieg.
Die Wellenbrecher auch. Gigantisch. Ein Stück Straße war schon unterspült. Mit uns staunten alle Touristen. Wir liefen herum, als hätte das örtliche Altenheim großen Wandertag.
Wir waren im Moment von der Außenwelt abgeschnitten, das Schnellboot konnte nicht fahren, aus den Bergen kamen reißende Sturzbäche -da oben gab es mit Sicherheit keine Straßen mehr!
Also konnten wir alle nur zwischen Vueltas und Playa del Inglés hin- und herlaufen - vielleicht 3 km.
Die Gewalt der Natur. Der Atlantik von seiner schönsten Seite.
Die Wellenbrecher wurden von einem dumpfen Grollen begleitet, was von den Steinen kam, die unter Wasser mitgerollt wurden.
Im Valle gibts nur schwarzen Stein- und Lavasandstrand. Mir persönlich lieber, als wie ein paniertes Schnitzel am schönen weißen Sandstrand sich die Fußsohlen zu verbrennen.

"Ist schon beeindruckend" sagte mein schwäbischer Begleiter alle zwei Minuten. Ich leckte mir das Salz von den Lippen und überlegte, ihn einfach von der Promenadenmauer in die reißenden Fluten zu schubsen. Er wäre bestimmt sofort weggespült und ich hätte endlich meine Ruhe. Ich könnte bestimmt seinen Ausweis an einen der der vielen Hängengebliebenen hier verticken - nein, die sind wohl alle etwas arm und spielen für Geld Flöte oder verkaufen Gemüserollen bei den Nackten am Playa del Inglés.
Vielleicht tun sie das aber auch nur, wenn ihnen langweilig ist, und eigentlich sind sie Sohn oder Tochter von Beruf.

Wir kehrten auf einen Café con leche ein, weil ich schon wieder pinkeln mußte. Durch die salzige Luft mußte ich literweise Wasser trinken. Auch bekam ich diesen metallischen Geschmack einfach nicht aus dem Mund.
Plötzlich bewegte sich eine Menschenmenge in Richtung "Maria", die spanischen Tresenkräfte ließen ihre Kassen im Stich und auch ich sprang auf - ohne auf meine Wertsachen zu achten - um zu sehen, was los war.
Von den Bergen her ergoß sich eine riesige Schlammlawine auf den kleinen Strand. Gleichzeitig stiegen die Wellenbrecher fast bis auf Caféhöhe und für einen Moment sah ich uns alle jämmerlich ersaufen. Aber es gab noch Strom! Die Spanier palaverten aufgeregt aber gelassen - ich machte mir also keine Sorgen.

Der Himmel riß auf. Wir setzten uns draußen auf ein geschütztes Plätzchen und starrten den Rest des Tages in die sich beruhigenden Wellen.
Gegen Sonnenuntergang tranken wir unsere ersten Doradas in der "Maria" und ein ungeliebter Bekannter meines schwäbischen Begleiters mit stark fränkischem Akzent kam vorbei. Mein schwäbischer Begleiter sah mich verzweifelt an, sein Bier war gerade leer und er fragte: "Was wollen wir machen?" - auch ein Satz, der ca. 50000mal am Tag fiel.
Wortlos stand ich auf, nahm die leere Flasche, lächelte und holte zwei Neue. Es war traumhaft mitanzusehen, daß er endlich mal von jemand anderen zugetextet wurde.
Ich entspannte mich und sah leicht angetrunken in den Sonnenuntergang.

Am Abend kehrten wir in das neue Apartamento zurück. Doch als wir ankamen, sah es genauso rott aus wie am Morgen.
Immerhin hatte jemand eine Gasflasche gebracht und angeschlossen. Doch die Bettwäsche war dreckig und benutzt, die Handtücher auch, in der Badewanne lagen Schamhaare. Mich würgte es und der schöne Tag war zerstört. Und dann krabbelten auch noch kleine Käfer auf dem Tisch!
Sofort fing meine Haut an zu brennen und zu jucken und ich überlegte, am Strand zu schlafen. Aber der war ja immernoch überflutet. Scheiße.
"Kriegen wir schon", sagte mein schwäbischer Begleiter mit sonorer Stimme und ich hätte ihn am liebsten erwürgt. Ich desinfizierte mit den mitgebrachten Sagrotan-Tüchern das Klo und einen Stuhl, um mich wenigstens hinsetzen zu können. Noch zwei Wochen zwischen Käfern und fremden Schamhaaren! Mich würgte es wieder.
Mein schwäbischer Begleiter ging zur Wirtin, um neues Bettzeug zu holen. Es tat ihr wohl ein bißchen leid und mit einer leichten Schnapsfahne erklärte sie, daß sie den ganzen Tag auf Teneriffa war und deswegen nicht sauber machen konnte. Auf Teneriffa! Wie denn? Mit dem Hubschrauber? Das Schnellboot, die einzige Verbindung zur Außenwelt, lag kieloben im Hafen! Die Straße nach San Sebastian, und damit zur großen Fähre, war halb weggerissen! Teneriffa!
Da halfen nur noch die zwei Flaschen Rotwein, die wir zum Abendessen gekauft hatten. Doch ich wurde immer klarer und nervöser, und die Käfer wurden immer größer.
Eine richtige Armada krabbelte vom mitgebrachten Zucker nach hinten ins Schlafzimmer, wo sie wohl ihre Kinder aufzogen. Ich griff mir mein mitgebrachtes Febreeze und sprühte wild das ganze Apartamento aus.
Wir waren offensichtlich bei der Säufer-Familie von Vueltas gelandet, es hatte mich schon stutzig gemacht, daß die alten Männer vom Hafen auch hier rumhingen, ein bißchen abseits und fern von den schönen Strand-Pauschalanlagen mit Pool.
Oder hatte ich immernoch Fieber?
Die Käfer krabbelten über meine Füße und ich gab auf.

In der Nacht träumte ich von einer regelrechten Käferinvasion - die Zuckerspur jedoch, die von meinem Bett zur Zuckertüte in der Küche reichte, machten mich heute morgen mißtrauisch.
Erschreckt von meinem Gesicht lief mein schwäbischer Begleiter sofort los und erstand Putzeimer, Wischer, Gummihandschuhe und einen WC-Reiniger - vermutlich billig.
"Wolltest du nicht wandern gehen?" knurrte ich ihn an und mit gesenktem Kopf trottete er davon.
"So, meine lieben Tierchen, es geht los!" Ohne Kaffee und Frühstück bewaffnete ich mich mit den Gummihandschuhen und schüttete den WC-Reiniger großzügig über Boden, Wanne, Klo und Waschbecken. Es stank furchtbar. Dann füllte ich den Eimer im Verhältnis 1:3 mit Wasser und Spülmittel und fing an zu schrubben. Irgendwie gab das aber eine merkwürdige chemische Reaktion - spanisches Wasser ist gechlort, fiel mir ein. Der aufsteigende Dampf ätzte in meinen Augen und Luftwegen - egal - ich wickelte mir mein Halstuch vors Gesicht und schrubbte weiter.
Die Käfer flohen. Einige konnte ich inclusive fremder Schamhaare im Wischwasser ersäufen, einige versuchten, sich unter mein Halstuch zu retten. Inzwischen waren die Dämpfe - ich vermute Chlorgas - so stark, daß ich auch fliehen mußte. Erschöpft ließ ich mich auf einen weißen Plastikstuhl auf unserer sehr schönen Terrasse nieder.
Mein Gesicht brannte, die Gummihandschuhe hatten sich aufgelöst und meine Hände waren voller Blasen, teilweise mit dem blauen Gummi verklebt. Glücklich blinzelte ich in die Sonne. Im Hafen tutete ein Schiff. Das Schellboot schwamm wieder richtig herum. Sieg!
Ich beschloß, den Rest des Tages wieder in La Playa zu verbringen. Die Tür verschließen brauchte ich nicht, bei den Chlorgasdämpfen würde kein Dieb länger als 5 Min überleben.

Als ich in La Playa ankam, begann es wieder zu regnen.
Ich bestellt Café con leche und Bocadillo con queso, frühstückte und schaute aufs Meer.
Jetzt konnte es hoffentlich endlich losgehen mit dem Urlaub!
Noch gut zwei Wochen. Ich schaute mich um, um einen Urlaubsflirt zu finden, aber die Leute sahen mich nur komisch an.
Naja, die Allergie im Gesicht würde hoffentlich bald wieder weg sein. Und die Blasen an den Händen auch.
Willkommen auf La Gomera.

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2. Montag, 23.02.2004

Heute Morgen war der Birkenstock-Schlappen von meinem schwäbischen Begleiter weg. Er hatte seine Schuhe mal wieder auf der Terrasse gelassen, obwohl ich ihn gewarnt hatte. Allerdings war meine Befürchtung, daß ein nächtlicher Sturm die Sachen wegweht oder ein Regenfall die Fußbekleidung auf ewig untauglich macht.
Der Schlappen war weit und breit nicht zu sehen. Während ich versuchte, mich unter den drei Tropfen Wasser, die aus der Dusche ronnen, zu säubern - sie waren immerhin kochend heiß - , ging mein schwäbischer Begleiter auf die Suche. Er fand den Schlappen hinter dem Haus bei einem der Hängengebliebenen, der zusammen mit einigen anderen Langhaarigen inclusive diverser zottiger Köter in sehr hübschen Obi-Lauben hauste. Sein Köter hatte den teuren Birkenstock-Schlappen Größe 46, die sehr schwer zu kriegen sind, übrigens, aber ziemlich zerkaut.
Zum Glück ließ er sich mit einer Schnur, die der Langhaarige zwischen Müll und Bongotrommeln fand, notdürftig zusammenflicken.

Derweil erwachte das Dorf zum Leben. Der Dideridoo-Spieler unter uns begann sein Morgenlied, der Preßlufthammer fing an, die Treppe, die zu unserem Apartamento führte, erneut aufzustemmen, der Bagger im Hafen quitschte und ratterte.
Und im Steinbruch oberhalb des Hauses hinter den Obi-Lauben wurden riesige Quader für die neue Hafenkaimauer herausgesprengt, so das alles hin und wieder leicht wackelte.
Inzwischen ist mir das Alles lieber als die brüllende Stille, die gestern herrschte - da war ja Sonntag. Obwohl: die alten Männer vom Hafen hatten sich trotzdem mit dem Preßlufthammer an unserer Treppe zu schaffen gemacht. Wir wissen nie, ob es uns noch gelingt, herauf- oder herunterzugehen, ob wir im frischen Zement steckenbleiben oder über Kachelscherben oder Holzabsperrungen klettern müssen.

Als mein schwäbischer Begleiter und ich in das Dorf zum Einkaufen gingen - wir haben einen enormen Bedarf an Taschentüchern, ständig ist die Nase zu - merkte ich, daß er humpelte. Ich selbst war leider heute mit meiner üblichen gräßlichen Rückenverspannung aufgewacht, die einen den Alltag zur Hölle werden läßt.
Das lag bestimmt an der Bergtour, die wir gestern gemacht hatten. Alles fing ganz harmlos an:
Entlang des steinschlaggefährdeten Weges - die Spanier haben sogar ein Schild aufgestellt, das will echt was heißen! - trabten wir in Richtung der berühmten Schweinebucht zur wunderschönen Finca der Esoteriker. Kurzeitig waren wir versucht, die Strom- und Telefonleitungen, die entlang des brökeligen Felsens verliefen, durchzuknipsen.
Solche elektromagnetischen Strahlen können bestimmt das Lavagestein aufweichen, wissen die das nicht?
Das Wetter war ausnahmsweise hervorragend, und so wurde ich übermütig und wir wanderten den idyllischen Weg hoch zur Villa des reichen Engländers, dem hier alles gehört. Ein Paradies, wirklich. Tropische Pflanzen, handtellergroße Schmetterlinge und Libellen, hie und da Plastikmüll, der aber malerisch von Blumen und Eidechsen dekoriert wurde.
Immer weiter hinauf, vorbei an Wasserfällen, Palmen und einer Bergkulisse, die einem den Atem raubt.
Alte Steinterrassen, die an Inkas erinnern, Schluchten wie aus Winnetou und ein gigantischer Blick auf den Atlantik. Wir wurden von einer bayerischen Familie mit zwei Kindern überholt, was mich erneut anspornte. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß ich normalerweise nie weiter als bis zu meinem Fahrrad laufe.

Es wurde steil und felsig. Mein schwäbischer Begleiter hat richtige Bergstiefel und kraxelt auch sonst am liebsten im 3000m-Bereich 'rum, für mich mit meinen Turnschuhen und Höhenangst war das aber komplett neu.
Als ich mit allen Vieren festgekrallt an einer Felswand hing, wurde mir plözlich übel. Ein loser Stein von oben verfehlte mich knapp und ich krächzte zitternd um Hilfe.
Ich wußte nicht, wie ich hier wieder wegkomme sollte, der Blick nach unten verkrampfte meinen Magen, nach oben war ein Überhang. Alle Muskeln versagten ihren Dienst und ich mußte pinkeln. Da kamen zwei kurzhosige Frauen mit Bergstiefeln heran, lächelten, erkannten den Ernst der Lage aber nicht. Leichtfüßig stiegen sie um mich herum, grüßten und freuten sich über das herrliche Wetter und den weiten Blick.
Ich war war kurz vor der Todesangst. Ein Greifvogel schrie und ich meinte, in meinem Rücken seinen Flügelschlag zu spüren.
Endlich tauchte mein bergsteigender schwäbischer Begleiter wieder auf, fragte, ob ich zurück möchte und ich konnte nur ein "Keine Ahnung, wie!" krächzen. Kurzerhand packte er mich, riß mich von der Felswand weg, legte mich über seine Schulter und stieg Louis Trenker gleich herab.
Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, verfiel ich in hysterisches Kichern, das ich über den gesamten Rückweg nicht wieder los wurde. Die Esoteriker, die uns hie und da begegneten, lächelten mich glücklich an. Wahrscheinlich dachten sie, ich hätte hier endlich mein Heil durch die Kraft der Steine gefunden.

Wieder nicht den Gipfel erreicht. Naja. Wir wollten dann noch beim berühmten Hippiemarkt vorbei, mein schwäbischer Begleiter wünschte sich so sehr ein Holzbrett und ein scharfes Messer um besser kochen zu können, aber der war schon aus. So verbrachte ich den Rest des Tages in La Playa, um den Sonnenuntergang zu beklatschen. Die Bongotrommeln wirkten tatsächlich beruhigend, das hysterische Kichern ließ nach und ich entspannte mich beim Meeresrauschen und einer kühlen Dorada.

Es war der erste warme Abend, Goa-Trance-Musik schall durch die Nacht und wir saßen das erste mal auf der Terrasse des Apartamentos und bestaunten die Sterne.
Mein schwäbischer Begleiter suchte beharrlich den "großen Wagen", er war schon vorher zurückgekehrt, um heimlich Gitarre zu üben. Ob ich ihm einfach die Saiten durchschneide?

Heute ist es wieder gewohnt kühl, stürmisch und wolkenverhangen, trotzdem sitzen wir zitternd draußen und pflegen unsere Zipperlein. Mein Rücken wird immer steifer. Ich muß unbedingt Rückengymnastik machen. Peinlich braucht einem das nicht zu sein, es sitzt eh an jeder Ecke einer und macht Yoga.
Mein bergsteigender schwäbischer Begleiter reibt sich ohne Unterbrechung den schmerzenden Fuß. Aber kein Wort darüber, was eigentlich wann passiert ist, nur dieses ewige Fußreiben und betontes Fuß-Nachziehen, was an meinen Nerven zerrt.
Eigentlich ist das meine Chance, wenn ich ihn heute noch ein bißchen 'rumjage, wars das mit den Bergkraxeleien! Die Nummer mit dem Birkenstock-Schlappen hat mich auf die Idee gebracht, den Köter auf Bergstiefel abzurichten. Barfuß wird mein schwäbischer Begleiter ja wohl kaum auf den spitzen Lavafelsen 'rumklettern wollen. Ich bete, daß die Busfahrer weiter streiken und ich die restlichen zwei Wochen gemütlich in dem Nest 'rumhängen kann.

Als ich aufs Klo gehe, sehe ich durch's Klofenster, dessen Blick hinter das Haus auf die hübschen Obi-Lauben geht,einen ganzen Haufen Freaks rumhängen, die normalerweise rumziehen und Blasmusik machen. Hier wohnen die also! Da sind wir ja echt richtig gelandet, fast wie daheim in Kreuzberg.
Sehnsüchtig denke ich an die schicken Touristenzentren mit richtigen Duschen und Pool, wo ich schwimmen gehen könnte. Da hätten wir bestimmt auch 'ne richtig große Espressokanne, nicht dieses Mickerding, mit dem wir uns rumquälen. Ich nehme meinen Kaffe morgens normalerweise intravenös.
Aber irgendwie ist es doch ganz schön, besser als das erste kleine Loch allemal. Eine buntgescheckte Katze kommt herein, ich greife sie und lege sie mir auf meinen schmerzenden Rücken. Draußen beginnt es zu regnen und ich verschiebe die Rückengymnastik auf morgen.

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2. Mittwoch, 25.02.2004

Die Zeit rast. Ich kann es gar nicht fassen, daß wir schon über eine Woche hier sind.
Heute ist ein richtig schöner Tag. Der erste, um genau zu sein. Keine Wolke am Himmel, kein Regen, nicht zu heiß, weil der kühle Passatwind bisweilen Gänsehaut erzeugt, auch wenn ich in der Sonne sitze.
Die Insel ist spirituell. Ich bin gewiss keine Eso-Tante und "die Kraft der Steine" erzeugt bei Lachanfälle - es ist aber wahr. Ich spüre eine Ruhe, die ich nicht kenne. Mein Zynismus verwandelt sich in ein freundliches Lächeln. Viele Leute hier tun mir leid, sie sehen so verkniffen aus, mitten im Paradies, viele schweigende Paare, die sich nicht angucken und immer wieder Suff.
Szene-Volk gibt es auch zuhauf. Da ich so lichtempfindlich bin, laufe ich in den absurdesten Verkleidungen 'rum, ständige Begleiter sind ein großes Schirmkäppi ohne Deckel und Sonnenbrille. Das sieht so bescheuert aus, daß die Szeneleute mich keines Blickes würdigen.
Es gibt aber auch - meist ältere Paare - die ich richtig beneide. Da sind zum Beispiel die beiden, bestimmt über 60, die jeden Tag nach dem schwimmen im Cafe eine der 100 lecker aussehenden Torten antesten, lachen und sich gegenseitig vorschwärmen, wie gut das jeweilige Stück ist.

Gestern waren wir nach San Sebastian gefahren, mit dem Schellboot, weil ja keine Busse fahren. Der schneebedeckte Teide von Teneriffa empfing uns majestätisch. "Hat schon was so ein Hafen, gell!" sagte mein schwäbischer Begleiter und ich war kurz davor, ihn von der Kaimauer zu schubsen. "Hat schon was..." eröffnet ca. jeden dritten Satz von ihm. Zum Glück ist er schwerhörig, das weiß ich inzwischen, drum kann ich gefahrlos "Halt die Fresse!" knurren. Er lächelt mich an.

San Sebastian hat südamerikanisches Flair. So stelle ich mir Südamerika jedenfalls vor, war ja noch nicht da. Hier ist Columbus losgefahren, damals. Was für ein Wahnsinn!
Dicke Wolken hingen in den Bergen und es nieselte immer wieder. "Das macht uns doch nichts aus," sagte mein schwäbischer Begleiter, ein echter Naturbursche. "Doch!" knurrte ich, aber er verstand mich mal wieder nicht. So jagte er mich durch die kleinen Altstadtgassen, die so entsetzlich nach Chlor stanken, daß es mir den Atem raubte. Ich bin Allergikerin, meine Lungen krampften sich zusammen, röchelnd hielt ich mir mein Halstuch vors Gesicht, aber mein schwäbischer bergsteigender Begleiter fand es toll und romantisch.
Es ist Karneval, deswegen wird das Städtchen auf Hochglanz gebracht. Vielleicht haben sie aber auch eine Kakalakenepidemie wegen dem vielen Regen. Die Luftfeuchtigkeit stieg minütlich an, so wie die schmalen Gassen immer steiler wurden, die er mich entlangtrieb.
Mir wurde schwarz vor Augen und ich sehnte mich nach der kühlen Passatbrise in La Playa. Mir fiel der kleine böse Kobold ein, der mich die letzten Monate so geärgert hatte und den ich nicht von meiner Schulter vertreiben konnte. Scheiße, er war mitgekommen.
Inzwischen kraxelten wir eine 45° steile, schmale Gasse hoch, die "einfacher als die Treppe" war, so sagte mein bergsteigender schwäbischer Begleiter und trottete ruhigen Schrittes einen Fuß bewußt langsam vor den anderen setzend stur wie ein Esel empor, immer weiter. Oder wollte er nur zeigen, daß er auch mit Fußverletzung laufen konnte?
Auf gleicher Höhe fuhr nun ein riesiger Zementmischer-LKW - auch hier waren überall Baustellen - und hinter ihm ca. 50 Autos und 12 hell röhrende Roller, die alle nicht vorbei konnten. Der Chlorgestank mischte sich mit den Abgasen, mir lief der Schweiß von der Stirn in die Unterhose, es war ein ohrenbetäubender Lärm und meine Nerven rissen durch wie Gitarrensaiten - solche, wie von der Gitarre des schwäbischen musizierenden Wandersmannes, die, die ich noch durchknipsen muß.

An einer durchaus hübschen 90°-Biegung mit sehenswertem Panorama auf Städtchen, Hafen und Berge, brach ich zusammen. Ich riß mir meinen tonnenschweren Rucksack - bei dem Mistwetter muß man ja immer den halben Kleiderschrank inklusive 5 Liter Wasser mitschleppen - herunter, ließ mich auf ein Mäuerchen fallen und lamentierte "Welcher Teufel hat mich geritten..." und der böse Kobold lachte und klatschte vor Freude in seine kleinen Hände.
"Vor der Schönheit kommt die Anstrengung," sinnierte mein schwäbischer Begleiter und ich hätte ihn dafür gerne den Abhang runter rollen sehen. "Ne, das ist keine Erholung, blöd müßte ich sein, ich geh' keinen Schritt weiter!" schrie ich völlig aus der Fassung und er drehte sich in aller Ruhe eine Zigarette. Rauchen! In diesem feuchten Gemisch aus Chlor und Abgasen und ca. 35°C Hitze, wie hielt er das bloß aus!
Scheinbar hatte er wegen dem Lärm meine Worte nicht verstanden, so schaute ich auf seine Armbanduhr, deutete auf den unter uns liegenden Hafen und brüllte: "Schaffe ich das nächste Schiff noch?" Er lächelte und meinte ruhig: "Jo, jo, locker, es fährt erst in 40 Minuten, da kannst du locker 'runterschlendern."
Panik ergriff mich. Nur 40 Minuten, scheiße. Wenn ich das verpasse kann ich 4 Stunden auf das letzte Schiff warten. Ich fackelte nicht lange, zum Glück dachte mein schwäbischer Begleiter noch daran, mir den Schlüssel zum Apartamento zu geben und ich raste los.
Nur nicht denken! Nur nicht an meine kochend heißen, feuchten, brennenden, schmerzenden Fußsohlen einen Gedanken verschwenden.
Laufen. Laufen. Laufen. Bergab, immer bergab. Halbtot gelangte ich am Hafen an.
Ich hatte das Gefühl, durch eine feuchtheiße chlorstinkende Hölle gerast zu sein. Keinen Blick für die schönen Plätze, Kirchen und Gassen, in denen die Gomeras Siesta hielten, lachten und palaverten, ich hörte nicht die Samba- und Salsaklänge, ich war froh, ohne Kreislaufkollaps im Hafen anzukommen, wo es wieder Luft zum atmen gab.

Das Schnellboot kam und ich sank erleichtert auf einen Einzelplatz ganz vorne am Fenster. Ich bin zum Glück seefest. Das sanfte Wiegen des Bootes und das schnurren des Motors ließen mich auch gleich in erschöpften Halbschlaf fallen. Als wir Playa de Santiago hinter uns gelassen hatten, wurde die See rauer. Klar. Wir fahren schließlich auf dem Atlantik. Das Boot hob etwas ab und knallte in ein Wellental. Heissah! Ein paar Männer lachten. Ich sah mich grinsend um. Wieder hob das Boot ab. Das Lachen wurde leiser. Ein Kind fing an zu weinen, klassisch. Dann das erste Röcheln. Und - hoppla - der Motor lief im Leeren, plötzlich nur Wasser um uns herum, dann wieder Himmel. Jetzt wurde das Spucken und Husten lauter, die Kotztüten raschelten, der Mann hinter mir stöhnte laut - und dann kam der beißende Geruch von Erbrochenem. Oh Gott. Noch 20 Minuten Fahrt. Rauf. Runter. Rauf. Runter. Inzwischen wurde mir auch schlecht von dem Geruch. Und entsetzt stellte ich fest, daß ich auf einem Platz saß, an dem es keine Kotztüte gab, was das Gefühl natürlich schlagartig verstärkte. An Aufstehen war nicht zu denken. Die Fahrgäste stöhnten, kotzten, spuckten. Die Kinder weinten und ich verfluchte den Busfahrerstreik.
Ich hielt durch. Als wir nach den längsten 20 Minuten meines Lebens endlich in unserem Hafen anlegten, sprang ich auf und betete, so schnell wie möglich ohne Unglück 'rauszukommen. Als erste spurtete ich auf die Gangway und erreichte festen Boden. Dann konnte ich nur noch laufen.
Ich lief bis La Playa, wo mich frische salzige Meeresluft und das beruhigende Grollen des Meeres empfing.
Geschafft. Durch die Hölle war ein Scheißdreck gegen diesen Tag. Und wieder entspannte ich mich in der Abendsonne, diesmal aber nicht bei Bongotrommeln sondern völlig allein am Strandfleckchen von La Puntilla. Eine dicke Hurrikanwolke schob sich vor die Sonne und ließ die Strahlen wie in einem Kitschbild erscheinen. Hier kann man religiös werden, wenn man nicht aufpasst. Oder spirituell. Oder esoterisch.
Es ist einfach wunderschön hier, ehrlich.

Der Ausflug meines schwäbischen Begleiters hat sich wohl wenig verbessert, viel hat er jedenfalls nicht erzählt. Vielleicht hat er sich aber auch nur in die nächstbeste Kneipe gesetzt, seinen Fuß gerieben und sich betrunken.

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2. Freitag, 27.02.2004

Vorgestern Nacht waren Geister bei mir.
Ich schlafe in der großen Wohnküche auf der Couch, weil die einen Lattenrost hat und ich auf keinen Fall mit meinem schwäbischen Begleiter in einem Zimmer schlafen will. Die Tür zur Terasse lasse ich immer ein Stück offen. Wenn sie geschlossen ist, macht die Zugluft so komische Töne.
In dieser Nacht träumte ich ganz merkwürdige Dinge, von implodierenden Stromleitungen und Naturkatastrophen, von verschwundenen Menschen und Weihnachtsgeschenken.
Ein penetrantes Klopfen gegen die Glasscheibe der Terassentür machte mich glücklicherweise wach, gleichzeitig aber überkam mich das merkwürdige Gefühl, daß jemand im Raum war. Die Wasserleitung ließ einen Strahl Wasser los, etwas bewegte sich die Küchenzeile entlang. Es klopfte immernoch. Ich richtete mich halb auf und merkte, wie sich alle meine Haare sträubten. Was war da los?
Das Klopfen verstummte und ich sprang auf, schlich wagemutig vor zur Küchenzeile, wo es raschelte. Etwas bewegte sich durch den Raum, ich spürte es ganz deutlich an mir vorbeigehen, hinaus durch den Türspalt. Ein maunzen ließ mich ließ mich zusammenfahren.
Auf dem einen Plastikstuhl hob eine buntgescheckte Katze verschlafen den Kopf und blinzelte mich an. Sie konnte es nicht gewesen sein, außerdem war das Etwas so groß wie ein Mensch gewesen.
Die Katze sprang vom Stuhl und und strich mir schnurrend um die Beine. Ich ließ mich auf den anderen Stuhl fallen und drehte mir eine Zigarette. Mein Herz klopfte laut. Mein schwäbischer Begleiter tauchte schlaftrunken auf, ich sagte: "Vorsicht, Katze", er murmelte irgendwas schwäbisch Unverständliches, ging aufs Klo - wie übrigens jede Nacht dreimal, was für eine Verdauung! - und wieder schlafen.

Der Mond schien in die Küche. Ich atmete tief durch und legte mich wieder hin.
Die Katze rollte sich auf meinen Füßen zusammen und ihr schnurren war sehr beruhigend. Aber eigentlich hatte ich keine Angst, sowas gehört wohl zu dieser merkwürdigen Insel.
Danach träumte ich nichts mehr, wachte aber von einem tiefen dumpfen Knall wieder auf, das Haus vibrierte. Aber es war noch dunkel, es konnte also nicht vom Steinbruch hinter dem Haus sein. Die Hafenarbeiten hatten auch noch nicht begonnen. Die Katze lag tief schlafend an meinen schmerzenden Rücken gekuschelt. Also schlief ich auch weiter.
Ich wachte noch zweimal auf in dieser Nacht, das letzte mal jedoch von meinem schwäbischen Begleiter, der durch die Küche schlurfte, seinen verletzten Fuß demonstrativ nachziehend.
Ich verfluchte den Köter, der den Birkenstock-Schlappen nicht komplett zerkaut hatte. Dieses schlurfen machte mich wahnsinnig und ich grunzte nur, als er mich mit einem verächtlichen Blick auf die Katze ansprach. War wahrscheinlich neidisch, daß die Katze in meinem Bett schlief und nicht er. Aber ich hatte auch schon bemerkt, daß er Tiere nicht sonderlich ausstehen konnte.
Komischer Naturbursche. "Ich schmeiß die Birkenstock-Schlappen einfach in den Hafen, danach ist endlich Ruhe" murmelte ich die Katze kraulend, wohl wissend, daß er mich nicht verstand, denn er lächelte plötzlich und brachte mir Kaffee.
Er projiziert gerne seine Vorstellung von mir auf mich, vermutlich hatte er verstanden, daß ich die Katze ins Hafenbecken schmeißen will. Typisch. Ein echter "Frauenversteher".

Ich sitze im "La Ñamare" an der "Promenade" von La Playa schräg gegenüber der berühmten "Casa Maria" und halte Ausschau. Aber das Szenevolk ist nicht da, es ist überhaupt sehr leer. Ob die sich alle für die große Strandparty morgen Abend fit machen - sprich: ausnüchtern?
Auf dem Mäuerchen sitzen nur wenige Paare mit Kindern, ein paar höchst unattraktive Typen - vermutlich Versicherungsvertreter im richtigen Leben - kein Bongospieler weit und breit.
Wahrscheinlich liegt es an der eisigen Kälte, es soll der kälteste Winter sein, den Gomera je hatte. Ich friere in meiner dünnen Sommerhose. Dummerweise bin ich barfuß in Strandsandalen. Ich überlege, meine sicherheitshalber eingesteckten Socken anzuziehen. Bei dem Volk, was heute hier 'rumhängt, würde das gar nicht auffallen. Drei T-Shirts habe ich schon an, aber die Jeansjacke, auf der ich sitze, muß auch noch drüber, soviel ist klar. Im Grunde trage ich die ganze Zeit schon alle Klamotten, die ich dabeihabe, übereinander.
Die dicken Wolken über den Bergen verheißen nichts Gutes. Ein ca. 50-jähriger graubezopfter Alt-Hippie kommt mit gierigem Blick heran, ich schaue demonstrativ mit gequältem Blick weg, doch er geht nur an den Geldautomaten schräg hinter mir. Ein Sonnenstrahl wärmt meine Zehen. Es baden relativ viele Leute, ich denke, das Wasser ist wärmer als die Luft und heute dümpelt das Meer müde vor sich hin, so daß baden gefahrlos möglich ist - mich schaudert bei dem Gedanken.
In den fast zwei Wochen habe ich noch nicht einmal geduscht, nur Katzenwäsche. Entweder war kein Wasser in der Leitung - mein schwäbischer frauenverstehender Begleiter geht immer vor mir ins Bad und plätschert stundenlang vor sich hin, scheißegal, daß man in Spanien prinzipiell Wasser sparen sollte - oder es war draußen kalt und nass, so daß eine Wolldecke einfach angenehmer war.

Gestern sind wir zum Wasserfall von El Goro hochgewandert. Ich hatte ein Gespräch mitangehört, wo ein Vater mit seinen zwei kleinen Söhnen, vielleicht 4 und 5 Jahre alt, dorthin gewandert war. Und sie waren ganz offensichtlich nicht aus Bayern, das hatte mir Mut gemacht.
Um es vorwegzunehmen, auch diesmal mußte ich auf halbem Weg aufgeben.

Die drei Versicherungsvertreter sind gar nicht allein, ihre Frauen sitzen auf der Bank gegenüber. Hätte mich auch gewundert.
Hinter der Bananenplantage brennt es. Wir fragen uns die ganze Zeit schon, wo der ganze Plastikmüll von den Wasserkanistern bleibt. Das glückliche alte Paar kommt heran und bestellt wieder Kaffee und Torte. Die spanischen Kuchen sehen hervorragend aus. Zwei äußerst mißmutig dreinblickende Frauen Mitte 40 sitzen rechts von mir. Sie haben nichts bestellt. Mir läuft schon wieder die Nase.

Bei schönstem Wetter liefen wir los, den trockenen Barranco an Canela vorbei, steil bergan.
Mein schwäbischer Begleiter ist ja inzwischen gehbehindert, so machte ich den Leithammel und sprang wie ein junges Fohlen von Stein zu Stein. Ich fühlte mich kräftig und ausgeruht. Der schwere Rucksack, sicherheitshalber nehme ich immer alle Klamotten plus 1,5 Liter Wasser mit, zog meinen schmerzenden Rückenmuskel angenehm nach hinten.
Es war dem gitarrespielenden Wandersmann anzusehen, wie er sich quälte, immer wieder mußte ich auf ihn warten. Aber er brauchte ja nicht mitzukommen, ist doch seine Entscheidung. Zum Arzt will er ja auch nicht. Jedesmal, wenn ich das Thema anspreche wird er sauer und erzählt was von seiner schrecklichen Kindheit.
Noch waren wir im Schatten, wo es ausnahmsweise mal angenehm kühl war. Links und rechts war alles von sattem Grün nach den feuchten Tagen, malerisch schmiegten sich die Bergdörfer in die Palmenhänge.
Es wurde steiler. Statt rechts zur Eselsfarm - wo wir besser hingepasst hätten - bogen wir links ab und mußten ein Stück die gut ausgebaute Bergstraße entlang, es war zum Glück nur wenig Verkehr. Andererseits hätten wir prima ein Stück trampen können. Vorbei an Palmen und Orangenbäumen fanden wir den schmalen Weg mit dem Hinweis "Salto di Agua".
An einem glucksenden Bächlein machten wir kurz Rast, ich fühlte mich wie im Garten Eden. Genau so muß der der mal ausgesehen haben, denke ich.
Mein humpelnder schwäbischer Begleiter rieb sich permanent über den schmerzenden Knöchel, und langsam fragte ich mich, ob das eine Art Ersatzhandlung war. Warum rannte ich nicht einfach davon?

Die mißmutigen Frauen haben sich Sahne und Kirschtorte bestellt und rauchen Zigarillos. Jetzt scheinen sie doch bester Laune. Ich kann den Geruch nicht ausstehen und flüchte.
Ich bin unruhig heute, im Gegensatz zum trägen Atlantik. Schwarze Wolken ballen sich in den Bergen und plötzlich wird es wieder warm.
Ich laufe zum Strand von La Puntilla, die Nachbarinsel La Palma ist heute zum ersten mal deutlich zu sehen, auch El Hierro, letze Insel vor der großen Überfahrt, taucht hie und da im Dunst auf.
Der Himmel hat alle Farben heute, die Sonne scheint die schwarzen Wolken zu den östlichen kanarischen Inseln zu schieben.
Ein Zweimastsegler taucht am Horizont auf und La Playa leuchtet in warmen Orangetönen. Langsam beruhigen sich meine Sinne und das Meer ringt sich ein paar Wellen ab.

Es sind einige Wanderer zum Wasserfall unterwegs und mit kritischem Blick betrachte ich ihre Bergschuhe. Ich habe nur dicke feste Turnschuhe, die früher mal "Trekking-Schuhe" hießen. Inzwischen sehen solche Dinger anders aus, das weiß ich jetzt.
Der Weg wird zum Eselspfad und führt zwischen malerischen Häuschen, in denen Aloe-Vera und Entspannungsmassagen angeboten werden, hindurch immer steiler bergan. Eine Katze räkelt sich in der Sonne. "Jo, Jo, die Katz'," schwäbelt mein hinkender Begleiter seit neuestem immer dann, wenn er eine sieht und das ist hier sehr oft der Fall.
Links und rechts raschelt es - Eidechsen, die aus Felsspalten hervorkriechen und blitzschnell wieder verschwinden. Palmen und Kakteen säumen den Pfad und immer wieder große spitze Lavabrocken, um die man halsbrecherisch herumklettern muß.
Der Barranco führt ein klein wenig Wasser, zweieinhalb Meter hohes Bambus, Wolfsmilch und andere Gewächse, die ich nicht erkenne, weil sie einfach fünf mal größer sind als bei uns, säumen den schmalen Weg und verwandelt alles in einen tropischen Dschungel.
Wie Indiana Jones kriechen wir unter Pflanzen hindurch, springen über Steine im Wasser, klettern hinauf und wieder hinunter und ich bin klatschnass geschwitzt. Mein schwäbischer bergsteigender Begleiter ist trotz Fußverletzung wieder im Vorteil. Zum Glück gibt es keine Moskitos. Nur ein Geier kreist über den steilen Felswänden, die aussehen, als hätte ein riesiger Dinosaurier daran gekratzt.
Ich würde mich sowieso nicht wundern, wenn ein Tyrranus Saurus Rex vor uns auftauchen würde. Es ist alles völlig bizarr.
Meine Füße fangen an zu schmerzen und zu kochen und ich spüre jeden einzelnen spitzen Lavastein. Langsam ahne ich, daß die Kraxelei wieder im Desaster enden würde.
"Öh, ich glaube, mein Abenteuerfaktor ist befriedigt", sage ich zum schwäbischen Wandersmann, als ich glücklich auf einen Felsen gekrabbelt war, wo er rauchend wartete. Er hörte mal wieder nicht. "Schön hier, gell?" antwortete er. "Hat schon was, so ein Barranco."
KREISCH! Aber ich kann ihn hier nicht runterschubsen, ich habe keine Ahnung, wie ich zurückfinden soll. Für mich ist hier schon lange kein Weg mehr.

Wir merken, daß wir uns "verstiegen" haben und machen erstmal Pause.
Ca. 20 Wanderer kommen uns nach und wir deuten ihnen schon von weitem, umzukehren. Hier ist basta finito. Ein Grab unter einer Palme. Sehr malerisch. Ich bitte meinen schwäbischen Begleiter, ein letztes Foto - bitte mit Kopf - zu machen, jammere ein bißchen und flehe ihn an, umzukehren. Mein Wasser geht auch zur neige. Beruhgend nur, daß das Barrancowasser Trinkwasserqualität hat.
Er sieht in seiner speziellen Wanderkarte nach und ist sich sicher, daß es einen anderen Rückweg gibt. Gut, mal sehen. Hauptsache, nicht mehr durch diesen Tropendschungel mit ganz fiesen Stachelpflanzen.
Ich sehe mich schon aufgespießt auf einem Kaktus meinen letzten Urlaubstag verbringen. Seine Geschichte von ertrunkenen Touristen auf La Palma, die die Wassermassen unterschätzt hatten, die durchaus plötzlich nach solchen Regenfällen herabbrausen können, machten mich auch nicht mutiger. Bloß weg hier!

Glücklicherweise trafen wir eine französische Familie, die den Weg kannte. "Weg" ist natürlich nicht ganz richtig, es ist ein fußschmaler ehemaliger Wasserleitungspfad entlang eines steilen Abhangs. Unten sieht man wieder die malerischen Inkaterassen, die aber nicht mehr bestellt werden. Hinter einer scharfen Biegung steht ein großer schwarzer Ziegenbock. Mir bleibt das Herz stehen. Die französische Familie - vermutlich aus Charmonix - ist schon lange nicht mehr zu sehen, mein schwäbischer Begleiter trottet an dem ein bißchen erhöht stehenden Ziegenbock vorbei und bemerkt ihn gar nicht.
Wovon träumt der Kerl eigentlich immer? Der Bock schaut mir direkt in die Augen. Seine Hörner sind sehr groß und spitz. Wie angewurzelt rühre ich mich nicht, kann auch nicht rufen, meine Stimmbänder versagen ihren Dienst.
Der Ziegenbock macht einen Schritt in meine Richtung.
Ein Stein löst sich und gottseidank dreht sich mein bergsteigender schwäbischer Begleiter um. Er lächelt und setzt gerade zu einem "Hat was..." an, da höre ich meine hysterische Stimme "Der Ziegenbock" krächzen und mein Blick wird von dem des wilden Tieres festgehalten. Seltsamerweise rührt sich die riesige schwarze zottelige Bestie nicht und ich sehe entlang des Halses einen dicken Strick. "Ist der angebunden?" stammle ich, immernoch unfähig, mich zu bewegen.
Mein schwäbischer Begleiter guckt bedächtig den Hang hoch und ein befreihendes "Jo, Jo" kam aus seinem Mund. Augenblicklich raste ich los, schob den gitarrespielenden Wandersmann einfach vor mir her. Wer weiß, ob der Strick hält! Der Pfad wurde einfacher zu laufen und ein Dörflein tauchte auf.
Puh, zurück im Paradies. Uns bot sich ein phantastischer Blick das Tal hinunter auf den Atlantik. Valle Gran Rey. Es trägt seinen Namen zurecht. Tal des großen Königs.

Es fing an zu regnen und wir trabten die Straße entlang nach unten, wo schönster Sonnenschein war und ich meine dampfenden Füße ins Meerwasser tauchen konnte.
Mein humpelnder schwäbischer Begleiter steuerte die nächste Apotheke an. Jetzt ist hoffentlich Schluß mit der Bergkraxelei! Morgen bestehe ich auf einen Mietwagen, um den Rest der Insel bequem vom Auto aus zu sehen. Und angeblich bessert sich ja das Wetter, dann haben wir immernoch eine ganze Woche zum Baden.

Heute ist da mal wieder nix draus geworden. Mein schwäbischer Begleiter sitzt im Apartamento und übt Gitarre, während ich am Meer sitze. Er will heute Abend "mal Fleisch vom deutschen Metzger" kaufen. "Für mich brauchste nix miteinzurechnen", sagte ich. Ich esse wenig Fleisch und Wurst, einfach, weils mir nicht schmeckt und mein Schwäbischer Begleiter hatte mir stundenlang erklärt, das er auch fast nie Fleisch ist - mir ist das doch schnuppe, er soll essen, was er mag.
Als wir einmal essen waren, konnte ich gar nicht so schnell gucken, wie schnell er sein Stück Fleisch aufgegessen hatte. Von Käse versteht er jedenfalls nicht viel, er hat doch tatsächlich mal Scheiblettenkäse eingekauft, der irgendwann ein klebriger Klumpen war.
Dafür warf er den teuren Schafkäse, den ich gekauft hatte, in seine Maggi-Fix-Tomatensoße.
Naja, ich tippe auf Spagetti mit Hackfleischsoße. Igitt.
Sicherheitshalber esse ich ein köstliches Bogadillo mit Käse und Gemüse.
Aber es ist ein wirklich preiswerter Urlaub, dank meines schwäbischen gitarrespielenden bergsteigenden Begleiters.

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2. Sonntag, 29.02.2004

Es gab Chilli. Das liegt in meiner Ekelreihenfolge von Gerichten, die ich nicht mag, noch vor Spagetti mit Hackfleischsoße.
Ich machte keinen Hehl daraus, mein humpelnder schwäbischer Begleiter war sichtlich betreten, zumal er einen riesigen Topf voll gekocht hatte. Dabei hatte er extra auf Dosenmais verzichtet, weil er gesehen hatte, daß ich den in der wunderbaren kleinen Kneipe in der malerischen Gasse nicht gegessen hatte.
Ich könnte ja jeden Abend essen gehen. Hier auf Gomera gibt es die besten "papas arragudas" (kleine Pellkartoffeln) und die beste "Mojo Verde" der kanarischen Inseln. Und sehr guten Rotwein, alles bezahlbar. Naja.
Aber es ist eh' selten möglich, abends draußen zu sitzen. Der sternklare Himmel mit den weißen Schafswölkchen verursacht immer die Stimmung einer kommenden Frostnacht. Ich bin meist sehr früh müde, obwohl ich mich kaum bewege, muß an dem eiskalten Passatwind liegen, der mein Gesicht abends brennen läßt wie Feuer.

Ich lege mich auch diesen Abend wieder sehr früh auf die Couch, um noch zu lesen, mein gitarrespielender schwäbischer Begleiter schnappt sich sein Instrument und schlurft irgendwohin, um zu üben. Ich hatte ihm gebeichtet, daß daß mir das Geklimper tierisch auf die Nerven geht. Immer so Deprimucke, "Lady in Black" oder "Road to nowhere" - das Repertoire von Peter Bursch's Gitarrenübungsbuch halt, bekannt aus dem Pfadfinderlager. Was spanisches kann er wohl nicht.
Die buntgescheckte Katze kommt schnurrend an und kuschelt sich an meinen verspannten Rücken - ich hab kaum noch Schmerzen.
Wir haben beschlossen, eine Inselrundfahrt mit dem Mietwagen zu machen. Mein bergsteigender schwäbischer Begleiter leidet wirklich Höllenqualen. Manchmal frage ich mich, ob die Inselkobolde bösartige Wünsche erfüllen - ich denke an meine anfängliche Idee, den Köter auf Bergstiefel abzurichten - und nehme mir vor, in Zukunft etwas vorsichtiger meinen Gedanken nachzuhängen.

Ich sitze im "La Ñamare" neben mir zwei Typen der Marke Thailandurlaub, offensichtlich im falschen Flugzeug eingestiegen. Sie inspizieren ohne Scham die anwesenden Frauen. Mit riesigem teuren Bergsteigerrucksack, Badeschlappen, Bermudas und karriertem Hemd beurteilen sie laut den "hübsche Bauch" der Schmuckverkäuferin, die sich zugegebenermaßen aufreizend auf dem Mäuerchen mitsamt ihren käuflich zu erwerbenden Arbeiten aalt. Überhaupt finden sie "diese bauchfreie Mode" sehr angenehm, allerdings nur bei bestimmten Frauen. Die Art, wie sich die Schmuckverkäuferin durchs Haar streicht, läßt sie sabbern.
Der eine kann nicht mehr, und beschließt, etwas auf und ab zu gehen. Sein Bauch ist definitiv so, daß er keinesfalls bauchfrei gehen sollte! Der andere bleibt sitzen und tut so, als ob er lesen könne, doch das Hinterteil eines weiblichen Gastes vor ihm lenkt ihn immer wieder von den Seiten ab. Sein Rest Käsekuchen schmilzt in der Sonne und sieht aus wie Sperma.
Weiter vorne sitzt HM auf der Mauer, der vor Jahren in Kreuzberg herumlief. Nun schleicht er hier zwischen La Playa und Vueltas hin und her und hat ein Buch geschrieben, daß überall mit Flyern angepriesen wird.
Thailand-Arsch kommt zurück und leckt aufreizend an einem Eis.

Um 10 Uhr fuhren wir los, das Valle hinauf die dank EU-Geldern gut ausgebaute Hauptstraße entlang. Hinter jeder der Serpentinenkurven wartet ein neues Wunder. Durch den Regen grünt und blüht es überall. Es erinnert an Bergwiesen, nur sind alle Pflanzen viel größer. Riesige lila Glockenblumen, hüfthoher Löwenzahn und andere Blumen, die ich wahrscheinlich nur deswegen nicht erkenne, weil sie 10 mal größer sind. So wie die Monsterschmetterlinge, -hummeln und -bienen.
Dann ändert sich die Vegetation, mit jedem Höhenmeter wird es kälter. Wir streifen den sagenumwobenen Lorbeerwald, hinter jeder Nebelschwade erwarte ich ein Einhorn. Das, was ich für eine Wachholderart hielt, sind Erikabäume. Die kleinen mickrigen Erikabüschchen bei uns sind hier mannshohe Bäume! Und immer wieder der Blick hinunter auf Palmen und Atlantik.
La Palma ist heute komplett zu sehen. Auf Augenhöhe sind Passatwolken, aus denen hie und da Regen fällt. Es geht wieder hinunter bis Agulo, die Straße ist hier halb weggerissen vom Unwetter, doch die Reparaturarbeiten sind schon in vollem Gange.
Mir ist ein bißchen unwohl von dem relativ schnellen Höhenunterschied, immerhin geht es zwischendurch auf über 1000m. Beruhigend ist, daß Busse entgegenkommen, die Straße existiert also noch - wenn auch leidlich. In Agulo muß ich aussteigen und meinen Kreislauf beruhigen, was sofort gelingt. Die Ausstrahlung des kleinen Ortes ist im Reiseführer nicht untertrieben. Sofort kehrt Ruhe ein in Kopf und Magen, die Alten sitzen unterm Baum, in den schmalen Gassen ist ein zufälliges Stilleben neben dem anderen, die Menschen grüßen lächelnd. Hier hat man offensichtlich Zeit. Unten der wilde Atlantik, oben schroffe rote Lavafelsen.
Der Bauboom ist jedoch überall. Wie wollen sie die ganzen Touristen nur herkarren? Ich begreife es nicht.
Wie trinken den besten Orangensaft meines Lebens im schönsten kleinen Restaurant mit Patio und Blumenkübeln und Löwentatzen an den Türen.

Auf der Weiterfahrt nehmen wir zwei trampende Holländer mit, sie sind lustig und wissen noch nichts vom Busfahrerstreik. Sie beschließen, auch ein Auto zu leihen. Es gibt viele Autos auf La Gomera. Wahrscheinlich alles ein abgekartetes Spiel.
Durch satte grüne Dinosaurierhügel fahren wir nach San Sebastian, die Entfernungen sind kurz hier. Die Landschaft wird karg. Ins chlorstinkende Städtchen will ich nicht mehr, so fahren wir weiter durch abgeholzte Mondlandschaften.
Oben wird es wieder hochgebirgsartig, nichts für mich.
Es ist halb drei und die Insel fast umrundet. Wir fahren auf einer Nebenstraße nach Chipude. Dort halten wir an der schneeweißen Kirche, die nach Mexiko aussieht, kein Mensch weit und breit, ich warte darauf, daß Zorro um die Ecke reitet.
Stattdessen kommt ein Tourist auf uns zu, ich habe ihn im Valle schon ein paarmal gesehen.
"Sprecht ihr deutsch?" fragt er in reinstem Hochdeutsch, sehr angenehm. Er kommt mir mehr als bekannt vor. Er sucht einen Lebensmittelladen, wir kommen ins Gespräch und bieten ihm an, ihn mitzunehmen, da der 2. und letzte Bus erst sehr spät abends fährt und schwarze Wolken nichts Gutes verheißen.
Er meint, daß er mich auf dem Schiff gesehen hat und ich grüble. Erst, als er sich im Auto hinter mich setzt, fällt es mir wie Schuppen vom Gehirn!
"Bist du der, der so elend gekotzt hat?" frage ich leicht entsetzt. "Ja", gibt er etwas betreten zu, "aber ich war nicht der Einzigste."
Asmus heißt er. Ich kriege einen Lachanfall nach dem anderen und frage sicherheitshalber, ob er Autofahren auch nicht verträgt. Detailliert beschreibt er, daß es ihm auf dem Schiff eigentlich prima ging, nachdem "die Bröckchen draußen waren". Wir beschließen bester Laune, nach Las Hayas zu fahren und bei der berühmten "Efigenia" zu Abend zu essen.

Es ist so, wie in allen Reiseführern beschrieben, schmeckt hervorragend: Gofio, Salat mit Bananen und Orangen, Gemüseeintopf, Kaffee und Kuchen (die berühmte gebackenen Milch) mit ca.500 kcal pro Stück bekommt hier jeder, egal, was man bestellt. Dazu Wasser und verdammt schlechten Wein oder Bier aus der Dose, was für ein Stilbruch. Aber wunderschön romantisch mit meckernden Ziegen als Hintergrundmusik und die Sonne kam auch wieder 'raus. Wir unterhalten uns prächtig, die anderen deutschen Touristen, die kommen, können alle gar kein Spanisch und sind dankbar, daß wir helfen. Man spricht zwar deutsch auf Gomera, aber nur untereinander! Efigenia ist wohl wirklich eine alte Bauersfrau und sie war bestimmt noch nirgends auf der Welt. Nur in dem kleinen Bauerndorf, daß ausnahmsweise keine Baustelle für Apartamentos hat.

Die Touristen frieren alle. Angeblich nähern wir uns zwar den 19°C, aber der eisige Passatwind läßt sich das ganz anders anfühlen. Ganz hartnäckige Neuankömmlinge legen sich sogar an die winzigen Steinstrände, aber die Gänsehaut ist unübersehbar und immer wieder wickeln sie sich ins Handtuch. Es ist schon blöd, den glitzernden Atlantik vor sich zu haben und nicht hinein zu können - wobei das Wasser vermutlich viel Wärmer ist als die Luft. Der kälteste Winter, den Gomer je hatte, und ich bin hier!
Pah, im Grunde kann man hier eh' nur mit Bergstiefeln ins Wasser gehen bei den spitzen Steinen, und die hab ich eh' nicht. Ich verfluche wieder und wieder, daß ich statt Springerstiefel nur Turnschuhe und Sandalen dabei habe. Und noch ein warmer Pulli wäre auch gut. Dafür hätte ich mir das Strandoutfit sparen können.

Gestern Abend war große Beach-Techno-Goa-House-Party am Playa del Inglés. Da mein schwäbischer bergsteigender Begleiter nun fast komplett gehuntauglich ist, fuhren wir mit dem Leihwagen die schlappen 4 km zum Festplatz. Wie soll ich nur ihn und unser ganzes Gepäck nächste Woche zum Flughafen schaffen? Zum Glück wohnen wir direkt über dem Hafen - bei den Piraten:
Die Jungs, die bei uns rumhängen haben einem alten VW-Bus einen Piratenschiffaufbau verpasst, was ich schon am ersten Tag sehr sympatisch fand. Die ganze Zeit über haben sie zu lauter Salzamusik daran herumgebastelt, es dauerte ewig, bis der offensichtlich alte Motor ohne Auspuff wieder lief. In passender Verkleidung sind sie dann unter beeindruckendem Motorenlärm abends losgefahren, ein gelbes Blinklicht auf dem Ausguck, und haben in Vueltas Kneipen geentert. Seit gestern ist das Schiff aber spurlos verschwunden - ich habs im ganzen Dorf vergeblich gesucht.
Wir waren viel zu früh bei der mit 6 DJ's angekündigten Party, mein wandergitarrespielender Begleiter sank sofort unter Schmerzen auf einen Stein. Ich war aber auch schon wieder müde - wie fast jeden Abend, obwohl ich nichts mache den ganzen Tag - und setzte mich ermattet dazu. Ich trug Gymnastikhosen unter der Jeans, 2 Paar Socken, 3 T-shirts, eins davon langärmelig, Kapuzensweatshirt, Jeansjacke, warme Stulpen und Halstuch - ein Glück, das es bei Abflug in Berlin kaum kälter war.

Schön hatten sie es aufgebaut zwischen den Felsen, mit Lichtanlage und Papierschnipseln als Deko. Mond und Sterne gab's auch zwischen den Wolken und eine Öltonne mit Feuer zum wärmen.
Anfangs dominierte ein alter Discohit, der neu aufgewärmt offensichtlich NO1-Hit im Valle ist. Das Ganze wirkte zunächst ein bißchen wie eine Klassenparty, es war Jungsüberschuss und der Alkoholpegel reichte nicht, um das Tanzbein zu schwingen. Da ja noch Karneval war - auf Gomera wird der Karneval nach dem großen Abschluss auf Teneriffa reihum in jedem Dorf noch über 4 Wochen gefeiert - waren einige verkleidet, überwiegend Nonnen, Piraten und Go-Go-Girls, die eigentlich Jungs waren.
Mit zunehmender Stunde und Anzahl an Touristengästen stieg die Stimmung, eine feuerschwingende Frau machte die Vortänzerin und es war richtig schön. Unser sturzbetrunkener Nachbar versuchte ein bißchen Stunk zu machen, was ihm nicht gelang, ein Stückchen Richtung Strand saßen Bongotrommler und machten Livemusik. Ich war mal wieder völlig naturbreit und gut gelaunt. So um Mitternacht - also "sehr früh" - fuhren wir durchgefroren zurück und entgingen so den Alkoholkontrollen, wie uns später erzählt wurde.

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3. Montag, 01.03.2004

H. hat erzählt, daß die Party noch richtig gut war, mit tanzen und so.
Wir waren ihr schon ein paarmal begegnet, mein schwäbischer Begleiter kannte sie aus dem "Café Mir" in Kreuzberg, ich wußte die ganze Zeit nicht, wo ich sie hinstecken sollte. Heute morgen saßen wir (zum zweiten mal) draußen auf der Terasse zum Frühstück, es ist der erste warme Tag heute.
Da taperte H. auf der Suche nach Fotomotiven unsere Straße hoch und mein schwäbischer Begleiter lud sie zum Kaffee ein. Es stellte sich heraus, daß sie eine ABM-Kollegin von mir war. Die Welt ist ein Dorf. Wir quatschten den ganzen Vormittag und gingen dann zum ersten mal baden!

Im Hafenbecken ist Sandstrand, was ich ja eigentlich nicht mag, aber die anderen Strände sind noch zu steinig. Das Wasser war bitterkalt, doch es ist einfach ein erhebendes Gefühl, im Wasser zu liegen und auf die Vulkanberge zu gucken, die ja gleich hinter dem Haus hochgehen. Das liebe ich an den Kanaren.
Ich bin ziemlich schnell wieder hoch ins Apartamento, zum Glück nur 2 Minuten Fußweg, weil ich das Gefühl hatte, zu verbrennen. Aber schön ist's, sehr schön. Die letzte Woche wird wohl eine Badewoche werden, einfach perfekt.

Gestern abend waren wir in der Bar, die wir intern "Fußballerkneipe" nennen, es läuft Bundesliga, man spricht deutsch.
Eine echte Freakshow. Ich hätte gar nicht den schlechten Wein trinken brauchen, die Gestalten waren 10 mal besser als Vera am Mittag, hier ist wirklich alles besser, schöner, schlimmer, lustiger als bei uns.
Selten so amüsiert, es war wie im Kino. Die meisten kennen wir nun schon vom Sehen, ein Großteil vegetiert ja bei uns hinterm Haus in den Hütten, fängt mittags in der Hafenbar an zu trinken. Ich kapier's nicht.
Ein volltrunkener sabbernder Berufsjugendlicher mit triefenden Augen und bot mir mit einem ungesunden Husten etwas an, was wie "Hüarschosch" klang, keine Ahnung, was er von mir wollte. Zwei Typen, die aussahen als wären sie gerne die Krümelkriminellen der Stadt, saßen unübersehbar an einem erhöhten Tischchen vor ihren Kaffees im tiefsten Neuköllner Chique gekleidet: Patchworkhose, Antiklederjacke, Schlapphut, ausgelatschte Slipper.
Gnädig hielten sie Audienz und redeten bisweilen mit den unterwürfigen Gästen, die sich hie und da an ihren Tisch wagten.
Derweil spielten sich am Tresen diverse Dramen ab, eine schluchzende Frau in Leggins und Schlabbershirt ließ sich dann doch irgendwann von dem Typen im Freizeithemd und Bermudashorts trösten, der zwischen zwei Whiskeys zufällig ihre Tränen bemerkte. Die Musik war laut, es ging wirklich hoch her.
Ein riesiger nagelneuer Geländewagen - wie schaffen sie diese Teile bloß auf die winzige Insel? - parkte direkt vor der Bar und ein wohlgenährter älterer Spanier trat hoch erhobenen Hauptes an die Bar, sofort eiligst umgarnt vom Tresenpersonal. Die Schnäpse brauchte er wohl nicht zu bezahlen. Ein betrunkenes Paar tanzte, eifersüchtig aus einer dunklen Ecke bewacht, vor der Kneipe verteilte eine temperamentvolle Italienerin Ohrfeigen.

Ich kam aus dem kichern nicht mehr heraus, obwohl es ja im Grunde schwer tragisch ist. Wie kann man im Paradies wohnen und genauso abstürzen wie im tiefsten Kreuzberg? Ich verstehs nicht. Ich fühl mich mit jeder Minute besser und bin vermutlich komplett naturbreit.
Mein schwäbischer Begleiter humpelt immernoch.

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3. Dienstag, 02.03.2004

"Wengadenga oähh oähhi wengadenga wengadenga oäih öhawengadenga", schreien Möwen in der Nacht. Grillen zirpen. Mond, fast voll, hier andersrum als bei uns. Frösche quaken, wahrscheinlich aus den Bananenplantagen.
Sterne. Ganz viele, und ganz viel kleine Sternenhaufen. Mondlicht. Eine Fledermaus flattert. Etwas piepst. Die Wellen rauschen träge trotz Flut. Kein Vergleich zu den ersten beiden Wochen. Leichter Wind hie und da kühl, auch mal sehr kräftig, dann wieder windstill.
"Wengadenga oähi oähi." Katzengejaule. Hundekläffen, ganz kurz. Ab und zu Musikfetzen mit dem Wind. Grillen. Wellenrauschen. "Wengadänga." Katzengesänge, eine ganze Oper, tragisch.
Es riecht nach Salz.

Die gefleckte Glückskatze kam nicht in dieser Mondnacht. Ich habe schlecht geträumt: mit der Bundesbahn nach La Gomera. Ein Horrortrip!
Wahrscheinlich kommt das von den Geräuschen der Hafenbaustelle, die sich meist wie eine riesige Dampflok anhören. Dazu vibriert das Haus ständig ganz leicht vom Steinbruch.
Die Träume hier sind extrem intensiv und realistisch, wenn ich aufwache, bin ich lange nicht in der Wirklichkeit, aber was ist hier eigentlich wirklich?

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3. Dienstag, 02.03.2004

"Wengadenga oähh oähhi wengadenga wengadenga oäih öhawengadenga", schreien Möwen in der Nacht. Grillen zirpen. Mond, fast voll, hier andersrum als bei uns. Frösche quaken, wahrscheinlich aus den Bananenplantagen.
Sterne. Ganz viele, und ganz viel kleine Sternenhaufen. Mondlicht. Eine Fledermaus flattert. Etwas piepst. Die Wellen rauschen träge trotz Flut. Kein Vergleich zu den ersten beiden Wochen. Leichter Wind hie und da kühl, auch mal sehr kräftig, dann wieder windstill.
"Wengadenga oähi oähi." Katzengejaule. Hundekläffen, ganz kurz. Ab und zu Musikfetzen mit dem Wind. Grillen. Wellenrauschen. "Wengadänga." Katzengesänge, eine ganze Oper, tragisch.
Es riecht nach Salz.

Die gefleckte Glückskatze kam nicht in dieser Mondnacht. Ich habe schlecht geträumt: mit der Bundesbahn nach La Gomera. Ein Horrortrip!
Wahrscheinlich kommt das von den Geräuschen der Hafenbaustelle, die sich meist wie eine riesige Dampflok anhören. Dazu vibriert das Haus ständig ganz leicht vom Steinbruch.
Die Träume hier sind extrem intensiv und realistisch, wenn ich aufwache, bin ich lange nicht in der Wirklichkeit, aber was ist hier eigentlich wirklich?

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3. Mittwoch, 03.03.2004

Heute Vormittag, als wir beim Frühstück auf der Terrasse saßen, sind zwei Rettungshubschrauber im Tiefflug in Richtung La Playa geflogen. In mir erzeugte das ein mehr als ungutes Gefühl, so daß ich heute auf's schwimmen verzichte. Wahrscheinlich ist die Aufschrift auf dem Schild am Playa del Inglése, wann der letzte Tourist ertrank, irgend einem Idioten entgangen. Obwohl das Meer seit Tagen vor sich hindümpelt, sind die Strömungen und spitzen Felsen da hinten nicht zu unterschätzen. Die einheimischen Jungs auf ihren Wellenbrettern kennen das Meer in- und auswendig, man sollte sich die bestimmt nicht als Vorbild nehmen.

Außerdem ist mir eh' nicht gut. Die Kombination von Rotwein, Keksen und Fruchtcocktail gestern Abend hat mir einen dicken Kater verschafft. Selbst schuld. Wir saßen in der marokkanischen Bar mit Meerblick, es war relativ leer und wir genossen die Nachtstimmung, ich meinen Fruchtcocktail ohne Alkohol, der dennoch schlimme Folgen hatte.
Zu später Stunde kam ein Paar, er etwas älter, sie jünger mit einem offensichtlich latentem Hang zum Alkohol, der hier sehr billig ist. Sie lachte übertrieben laut, nippte an ihrem Schnaps, den sie zum Cortado trank. Der Mann wirkte zunächst lustig und gar nicht so unsympathisch wie sie, bis ein zweites lautes Paar auftauchte, sie älter, er jünger. Das Gespräch wurde sofort schlüpfrig, und es war nicht zu übersehen, daß hier Partnertausch angesagt war. Und Schnaps zum Kaffee oder Saft. Wir gingen.

Es ist schön hier, bei "Apartamentos Marie Isabell". Die Terrasse ist morgens im Schatten, wir haben auch einen Schirm, den wir aufspannen können, einen Liegestuhl, ausreichend Tische und Stühle. Der Rest der Ausstattung ist allerdings karg.
Unser Nachbar ist ein sehr netter Spanier, offensichtlich wohnt er fest hier, muß aber für Doña Marie Isabell Haus- und Hofarbeiten verrichten. So wie der andere spanische Bruce-Willis-Typ und die alten Männer, die oft am Hafen hocken und immer fröhlich grüßen. Heute ist noch ein anderer da, und es ist schon ein Genuß, morgens auf drei gut gebaute, in der Sonne schwitzende nackte männliche Oberkörper zu schauen. Rrrrrr.
Die Jungs sind für Bauarbeiten zuständig, die alten Männer arbeiten im großen Kartoffelacker vor dem Haus, der wohl auch noch Doña Marie Isabell gehört. So ganz blicken wir nicht durch. Schade nur, daß wir das Ende der Bauarbeiten an der Treppe wohl nie erleben werden. Inzwischen müssen wir über einen Seitengang ins oberste Stockwerk, wo wir wohnen, klettern. No problema! Dafür haben wir ja auch 'nen Sonderpreis.
Nur mein Wandergitarre spielender, schrecklich humpelnder schwäbischer Begleiter geht den beschwerlichen Weg hier hoch bzw. runter inzwischen so selten wie möglich. Ich habe ein schlechtes Gewissen, die Geister und Feen der Insel hatten meine anfänglichen Hassgedanken bestimmt erhört.
Der Betonmischer ist aus. Siesta.
Ich werde mich auf meinen Rentnerspaziergang nach La Playa machen. Mal sehen, ob ich in Erfahrung bringen kann, was heute Morgen los war.
Doña Marie Isabel schreit ungnädig. Hat wahrscheinlich ihre Liebe Mühe mit ihren Männern. Eine eindrucksvolle Frau, eine Königin in einem Schloß mit großen Ländereien drumherum.
Die Hängengebliebenen oder die Jungs mit dem Piratenschiff können bestimmt nicht immer zahlen und auch nur wenig arbeiten, trotzdem hausen sie hier auf dem Gelände in Hütten, die allerdings aussehen, wie aus den Slums von Rio de Janeiro, malerisch eingerahmt von blühenden Büschen, Blumentöpfen, Kakteen, Jucca- und Kokospalmen, hie und da etwas Schrott.
Ich kann mir vorstellen, daß sie den gutsituierten Alt-68ern, die im ersten Stock wohnen, ein bißchen mehr abknöpft. Ob die allerdings mehr Service kriegen, bezweifle ich. Putzen muß man hier selbst. Doña Marie Isabell hat schließlich oft in Teneriffa zu tun.

Den ganzen Tag war es diesig, wie im Nebel, aber trockene Luft. El Hierro und La Palma waren wieder verschwunden. In La Playa sind derzeit Unmengen von Kleinkindern mit ihren genervten Eltern, nicht sehr spannend.
Die Berge wirken blaß und fahl, so wie alles. Eine komische Stimmung. Gegen Abend verschwand der Horizont völlig im Dunst.
Drohend kam eine dunkle Front, diesmal vom Süden. Aber die Luft wurde immer trockener, fast wie ein Sandsturm.
Ich beschloß, doch vor dem Sonnenuntergang zurückzugehen, in La Puntilla fotografierte ich eine Seegurke oder sowas im Brackwasser. Es waren viele seltsame Tiere angeschwemmt. Das Meer war ungewöhnlich weit zurück und sehr ruhig.

Mein humpelnder gitarrespielender Begleiter hatte wieder preiswerte schwäbische Hausmannskost vorbereitet, Gemüsesuppe von gestern, Salat aus Gurken und Tomaten, und noch Nudeln mit ganz ekliger billiger Retortentomatensoße. Ich war eh' nicht sehr hungrig, der drohende Nebel schob sich über die untergehende Sonne.
Trockener Nebel. Seltsam.
Sandsturm ohne Sand. Die Temperatur sank ganz plötzlich. Meine Stimmung auch, als mein schwäbischer männlicher Begleiter plötzlich erzähllte, daß G. und H. um halb neun in der einen gemütlichen Gassen-Kneipe zu Abend essen wollen, wir sollten doch auch kommen. Es ist ihr letzter Abend. So ein Arsch.
Die Temperatur stieg plötzlich wieder und Sturm kam auf. In mir auch. Innerlich war mir eiskalt und ich zog wieder drei schichten Klamotten an. Er versuchte, Konversation zu machen, von Ferne schwoll das Meer an, ich schwieg.
Der merkwürdige trockene Nebel hüllte alles in fahle Dämmerung, wie in "Fog - Nebel des Grauens" schien der Mond durch die Sandsturmschwaden ohne Sand. Schließlich zog er seine Schuhe an und meinte, er geht los, wie denn meine Meinung wäre. HASS! Als ob meine Meinung jetzt noch irgenwas zählen würde.
"Hab' keinen Bock, denen beim Essen zuzugucken," sagte ich kalt, "ich komm nach." Schön den Abend verdorben. Kaum war er los, fing der Sturm erneut an, ich mußte erstmal alles sichern, auch sein blödes Badehandtuch. Eigentlich sollte ich es davonwehen lassen!
Es ist unheimlich da draußen. Trockener Nebel und Sturm, Mondlicht und Balzgeschrei der Möwen, vereinzelt. Wie können die bei dem Wetter fliegen?

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3. Donnerstag, 04.03.2004

Es ist ein ausgewachsener Sahara-Sandsturm.
Als ich gestern Abend ins Dorf hinunter ging, mußte ich mich nach Kreuzberger-1.Mai-Manier vermummen. Die Sturmböhen warfen mich fast um, mikroskopischer Sand drang in alle Körperöffnungen. Die Autos sahen aus wie mit Raureif bedeckt. Im Dorf wurde es besser, das fahle Mondlicht und die diesige Luft ließ alles unheimlich erscheinen.

Für mich war der Abend dann noch ganz schön, mein beleidigter leidender schwäbischer Begleiter schwieg viel. Kerle.
Die trockene Luft ging auf die Schleimhäute, doch plötzlich, zwischendurch, kam vom Meer her eine feuchte Böe in die Gasse geweht. Leider blieb es dabei. Wir spekulierten lachend über den morgigen Wellengang, G.und H. mußten ja früh los, oder ob das Schnellboot überhaupt fahren würde.
Unfreiwillige Verlängerungen kommen hier wohl durchaus vor, jedenfalls in einem so eiskalten Winter.
Mein griesgrämiger humpelnder Begleiter und ich gingen auf dem Rückweg noch auf ein Getränk in die Freakshow, er fing sofort an, Zeitung zu lesen, was mich gar nicht störte.
Die sturzbetrunkene Alt-68gerin, die bei uns im Erdgeschoss wohnt, wankte fröhlich in ihren Birkenstöckeln und Pluderhosen - auch Patchworkmuster - vorbei, die Frau, die unter uns wohnt, begrüßte uns herzlich. Sie bleibt noch bis Ende März, könnte ich auch gut haben.
Man kennt sich mittlerweile und man spricht deutsch.

Als es dann leer wurde, bezahlte ich unsere Getränke um zu gehen, da bestellte mein pikierter männlicher Begleiter demonstrativ noch eine Dorada. Der Wirt guckte mich verwirrt an, ich zuckte mit den Achseln und bezahlte das Bier gleich mit, wünschte noch einen schönen Abend und ging in den Sandsturm hinaus.
Es wehte die ganze Nacht ganz fürchterlich. Mein manchmal etwas dämlicher humpelnder Begleiter ließ seine Bergstiefel draußen, die sind heute garantiert randvoll mit Sand!
Ich wachte früh auf und sah, daß die Lage immernoch die Selbe war. Die Sturmböen hatten eher zugenommen. Ich mußte mich stellenweise richtig gegen den Wind stemmen, als ich zum Brötchenholen ging. Und überall dieser mikroskopischer Sand!
In den Augen, in den Ohren, in der Nase, auf den Klamotten. Einfach überall.
Mein leidender schwäbischer Begleiter redet inzwischen wieder mit mir, aber natürlich nur belangloses Zeugs. Auch recht.

Die verunglückte Touristin gestern ist wohl im selben Barranco oberhalb der Finca Argada abgestürzt, wie mein humpelnder bergsteigender Begleiter, angeblich soll man diesen Teil niemals von oben nach unten gehen, weil dann die Wegmarkierungen nicht zu sehen sind. Stimmt. War ja selbst da gewesen, zuerst glaubst du, du gehst durchs Paradies, und dann gehts ab mit den Prüfungen der Hölle.
Wer weiß, ist alles ganz gut so, sonst wäre vielleicht noch schlimmeres passiert.

Es ist zwar heller draußen geworden, aber rausgehen ist schier unmöglich. Ich hätte gestern in der Email wohl nicht schreiben sollen, daß sich das Wetter stabilisiert...
Nachmittags wurde es dann doch etwas besser. Mein schwäbischer männlicher Begleiter war losgehumpelt, seine spanische Zeitung zu holen, die er täglich mit Lexikon in der Hand liest und mir leidlich daraus übersetzt. Andere Männer gehen Zigaretten holen - er kam jedenfalls auch nicht wieder.
Also suchte ich seinen einen inzwischen verschwundenen Bergschuh, fand ihn wieder bei den Hütten, machte alles dicht und stapfte vermummt los. Ohne mich hätte der Kerl inzwischen kein Handtuch und keine Schuhe mehr. Was ist bloß los?
Ich fand ihn in der Hafenkneipe beim Bier. Es war halb 2 und das Bier war leer. Nach kurzem Smalltalk, eigentlich wirkte er ganz normal, stapfte ich weiter zum Geldautomaten. Wieder kein Glück heute - der verdammte Sturm, die Dinger funktionieren nur spärlich. Naja, 20 Eu habe ich noch zum Ausgeben, der Rest geht für Apartamento und Fähre drauf, an ein Taxi zum Flughafen wage ich gar nicht zu denken bei schwäbischer Sparsamkeit.
Vielleicht habe ich heute Abend Glück. Ich setzte mich kurz in La Puntilla an den Strand, es war fast windstill, aber die Luft war diesig, die Wellen kamen von der falschen Seite.
Merkwürdigerweise grüßten mich eine Reihe von Leuten. Mit Kapuze, schwarzer Sonnenbrille und schwarzem Tuch vor dem Gesicht hielten sie mich wohl für einen Filmstar.
Ich ging zurück zur Hafenkneipe in Vueltas, mein schwäbischer leicht defekter Begleiter hockte immernoch beim Bier, inzwischen in einem Grüppchen trinkender Männer und Frauen. Aha. Ist der jetzt wegen mir so schlecht drauf oder wegen seinem Fuß?
Aber ich konnte sowas ja nicht vor den anderen fragen. Scheinbar kannten sie sich schon. Hatte er die letzten zwei Wochen tatsächlich nichts anderes gemacht? Warum hatte ich das nicht bemerkt?
Unsere Nachbarin gesellte sich auch noch dazu, die Einzige, die ich kannte. Das 16-Uhr-Schiff kam relativ pünktlich, die Leute, die ausstiegen, sahen alle erbärmlich aus. War bestimmt wieder eine Kotzarie gewesen.
Ohje, sollte ich mir doch Reisetabletten holen? Montag früh sind wir dran. Es besteht natürlich Hoffnung, daß der Sturm sich bis dahin legt - allerdings kann auch ein Hurrikan draus werden, ich erlaube mir hier keine Mutmaßungen mehr.
Als ich mir einen Orangensaft holte, hatte ich meinen trinkenden humpelnden Begleiter gefragt, ob er noch ein Bier wolle. Er lehnte ab. Kaum war ich zurück, holte er ein Neues für sich und seinen Trinkkumpanen. Verdammt, das auch noch! Mir wurde kalt und ich ging.
Für morgen hat mein fußkranker Begleiter einen Leihwagen reserviert. Aber mit 'ner stinkenden Bierleiche fahre ich keinen Meter, er hat heute morgen schon stark gerochen. Na mal sehen.

Es waren sogar zwei Touristinnen, beide tot. Merkwürdigerweise redete niemand groß darüber. Die Barrancos sind gefährlich, aber die Touristen sollen sich wohl nicht beunruhigen. Da kann ich ja froh sein, daß es bei meinem bergsteigenden Begleiter so relativ glimpflich ablief - er erzählt allerdings nicht, was genau passiert war.

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3. Samstag, 06.03.2004

Der Abend wurde dann noch ganz lustig, nachdem mein angetrunkener schwäbischer Begleiter ein bißchen gegessen und sich ausgeruht hatte. Wir saßen in dem Bistro mit "Deutschem Frühstück" und konnten mal wieder normal miteinander quatschen, die Leviten hatte ich ihm natürlich nicht gelesen, von wegen warum er nicht endlich zum Arzt geht statt zu saufen. Ist ja nicht mein Job, der Mensch ist erwachsen.
Die Kellnerin erzählte uns beim rausgehen, das im "NO2" Livemusik wäre. Offensichtlich gingen alle hin, sogar die Freakshow war geschlossen. Die Creme de la Creme von Vueltas war da, einfach alle kaputten Gestalten, so denn noch lauffähig. Die Musik war so schlecht wie die Luft, aber alle Leute hatten ihren Spaß. Wie es halt auf dem Dorf ist, wo sich jeder kennt und sonst nicht viel passiert. Irgendwie mag ich das.

Das Publikum hat komplett gewechselt. Viel weniger als zu Anfang, noch mehr mißmutige Gesichter und fast ausschließlich sich anschweigende Paare. Mag sein, daß es an der diesigen Luft liegt, die noch immer voll mikroskopischem Sand ist, der weiterhin hartnäckig alle Dinge des täglichen Lebens einstaubt. Wenn ich in meinem Buch lese, muß ich dauernd niesen. Aber seit gestern Nacht gibt es wieder Horizont zu sehen und die Orkanböen haben aufgehört.
Hartnäckige Mißmacher munkeln, daß es morgen wieder schlechter wird, aber ich glaub' nicht dran. Wenigstens fällt mir der Abschied jetzt nicht so schwer. In der Nacht war Vollmond, ich schlief schlecht, weil die Grillen schwiegen. Hatte der Orkan alle weggeweht? Dafür war ein wunderschöner getigerter junger Kater mein Bettgenosse, allerdings mit leichtem Schnupfen. Offensichtlich schwer hungrig, hatte ich ihn etwas mit Katzenfutter gefüttert, hofentlich erholt er sich in den zwei Tagen, die ich noch hier bin.
Mein humpelnder schwäbischer Begleiter hatte die ganze Nacht vor Schmerzen gestöhnt, ab und zu richtig "Aua" gerufen - ich kam mir vor wie im Krüppelheim.

Gestern fuhren wir mit einem "Seat Ibiza" nochmal in die Berge. Der geheimnisvolle Lorbeerwald in der "Laguna Grande" bestätigte endgültig meinen Verdacht, daß es hier Geister gibt. Hexen und Dämonen lugten hinter den mit Flechten bewachsenen Baumstämmen hervor und ärgerten die Bustouristen, die Grüppchenweise auf dem Spazierweg entlang schlurften. Keiner von den Touristen schien seinen Spaß zu haben, sie trotteten bav den Weg, den ihre Führerin ihnen wies.
Später, auf dem überfüllten Damenklo suchte ich vergebens nach lächelnden Augen oder einem freundlichen Wort. Auf der ganzen Insel sind Klos übrigens kostenlos. Sehr symphatisch, die Gomeros. Noch scheinen sie mit dem Geld zufrieden zu sein, daß ihnen die Touristen bringen. Dennoch fallen auch hier junge Kerle mit dicken BMW's oder Benzen auf, wie kriegen sie die bloß auf die kleine Insel?

In Chipude hielten wir Siesta auf einer weißgekalkten Steinbank mit Blick auf die mexikanisch wirkende Kirche. Ruhe kehrte ein in mir, es war fantastisch. Zeit scheint nicht sehr wichtig zu sein auf La Gomera. Genießen ist wichtig. Einige Taxis fuhren langsam an uns vorbei und fragten, ob sie uns mitnehmen sollten. Wußten wir es doch: der sogenannte Busfahrerstreik ist von der Taxiinnung initiiert, die Busfahrer sind in Wahrheit Taxiunternehmer! Oder Leihwagenverleiher.
Auf dem Weg zurück ins Valle hielten wir noch an zwei weiteren Kneipen und saßen Stunde um Stunde faul in der Sonne herum. Hier oben war das Wetter wesentlich besser. Dennoch war meine lange Unterhose nicht zu warm und über die drei T-shirts zog ich immer wieder die Sweatshirtjacke, wenn eine Windböe kam. Es sind ja auch über 1000 Meter. Die Abfahrt machte mir wieder sehr zu schaffen, ich fühlte mich wackelig und leicht benommen, mir geht das einfach zu schnell runter.
Deswegen hielten wir nochmal zum Abendessen in einer Touristenkneipe mit viel Andenkenschnickschnack und gomerischen Spezialitäten.
Mein leidender schwäbischer Begleiter und ich tranken Rotwein zum essen, aber mir bekam das gar nicht. Ich fühlte mich nach zwei Schlucken sturztrunken, er brauchte es vermutlich zur Schmerzbetäubung.
Im Autoradio lief endlich spanisch-kubanische Musik, beschwingt fuhren wir die kurvenreiche Straße ins Tal hinunter. An der Tankstelle erlebten wir dann eine Überraschung: dieses unglaubliche Auto, daß in Linkskurven immer automatisch alle Türen zusperrte, hatte für über 70 km gerade mal knapp 2 l Sprit verbraucht, der hier mickrige 60 Cent pro Liter kostet. "Seat Ibiza" - dieses Auto empfehle ich weiter!
Kichernd beendeten wir den Abend in der Hafenbar, wir waren neben der Dorfjugend die einzigen Gäste.

Nun dachte ich auch nicht mehr an die gräßliche Mittagsabfahrt, die zum guten Schluß noch in der Katastrophe hätte enden können. Mein schwäbischer Begleiter hatte im Reiseführer von "El Cedro" gelesen, ein fruchtbares Tal mit einer gemütlichen Kneipe. Der Weg war schmal, viele Autos parkten und ich fragte unsicher, ob er wirklich glaube, da mit dem Auto runter zu können. Ja klar, laufen war für ihn inzwischen völlig unmöglich geworden. Ich wollte nicht 'rumzicken, doch mit jedem Meter auf dem knapp autobreiten Waldweg stieg meine Panik.
Die Platten, mit denen der Weg ausgelegt war, klackerten und vor meinem geistigen Auge hüpften grinsende Kobolde hämisch lachend und aufs Autodach trommelnd hinter uns her. Zwei finster dreinblickende Straßenarbeiter ließen uns gnädig passieren, es war wie in einem Steven-King-Film. Und auch das glücklicherweise an einer etwas breiteren Kurve uns entgegenkommende Taxi beruhigte mich nicht. Ich sah zur Seite und schloß sofort vor Schreck die Augen, neben dem Weg ging es senkrecht bergab und die Bäume sahen nicht gerade so aus, als könnten sie ein herbstürzendes Auto bremsen.
Wanderer schickten uns bitterböse Blicke hinterher, als sie uns im Zeitlupentempo auswichen - obwohl die eine oder andere bestimmt gerne eingestiegen wäre.
Irgendwann hielt ich es einfach nicht mehr aus. "Ich steig' aus!" zeterte ich hysterisch. "Das ist doch wahnsinn!" Mein vor sich hinsummender fahrender Begleiter grinste nur und hielt an, zum Glück war es hier auch etwas breiter und ich hatte festen Boden unter den Füßen.

Das wunderschöne Tal beruhigte mich wieder etwas, leichtfüßig mit leicht zitternden Knien holte ich meinen humpelnden Begleiter, der das Auto inzwischen abgestellt hatte, ein, ein Esel schrie, Bienen und Hummeln summten über dem Wiesenblumenmeer in Gelbtönen.
Wieder stand da ein ein angebundener schwarzer zottiger Ziegenbock - war das etwa der Selbe wie beim Wasserfall oder postieren die Gomeras die Viecher für fotografierwütige Touristen?
In der idyllischen Kneipe mit Campingplatz probierte ich die berühmte Kressesuppe, der scheinbar schwere riesige Holznapf entpuppte sich als ausgehöhlter Nepp mit doppeltem Boden. Aha. Leider gab es auch hier keinen Meerblick, der Horizont verschwand im Dunst. Aber das Klo war gratis.

Die Hochfahrt war nicht mehr ganz so schlimm, wieder mokierte sich eine Wandertruppe mit dem Durchschnittsalter 65 über die "faulen jungen Leute". Urteile nie über Menschen, deren Schicksal du nicht kennst, dachte ich mir zerknirscht. Gestern Abend hatte mein normalerweise bergsteigender schwäbischer Begleiter die Vermutung geäußert, daß sein Fuß vielleicht doch gebrochen sei. Aber auch daraufhin war es mir nicht gelungen, ihn zum Arzt zu schleppen. Er hatte ja noch nicht mal einen Auslandskrankenschein dabei. Aber über mich spotten, die ich sogar 'ne ADAC-Unfallversicherung habe, wo mich im Notfall der gelbe Jet nach Hause fliegt! Kaum zu glauben, daß der Mensch schon einige Jahre erwachsen ist. Als ob ein Auslandskrankenschein uncool wäre! Ich sag nur: zwei tote Touristinnen. Und mein nächster Urlaub wird wieder schön bequem pauschal gebucht. Ist ja auch noch gar nicht klar, ob das mit unseren Rückflügen klappt. Und sollte es ganz blöd kommen und das Wetter tatsächlich wieder schlechter werden, kann es eh passieren, daß wir von der Insel gar nicht wegkommen. Auch gut. Scheiß Heldengetue!

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3. Sonntag, 07.03.2004

"Jo, hat schon was, so ein Kartoffelacker." Mein schwäbischer Begleiter stand auf der Terasse vor mir, hatte sein sein Morgengeplantsche beendet und der Geruch von Duschbad und Rasierschaum verkrampfte meine Lungenkapillaren. Warum ramme ich ihm nicht einfach den spitzen Sonnenschirmständer durchs Herz und schmeiße seine Leiche einfach übers Geländer? Soll sich doch unsere Nachbarin um ihn kümmern.
Stattdessen quetsche ich mir einen Sonnencremepickel auf meinem Oberarm aus und schweige. "Schlurf, schlurf, ratsch," - ich könnte ihm auch einfach auf seinen beschissenen Knöchel treten, damit ich diese Gehgeräusche mit dem leichten Nachziehen des einen Fußes nicht mehr ertragen muß. "Ich jammer doch gar nicht, weiß gar nicht, was du hast," hatte er gestern erstaunt gesagt.
"Schlurf, schlurf, ratsch," - ich könnte den Plastikstuhl manipulieren, wenn er sich das nächste mal reinplumpsen läßt, würde er mit seinem Kopf hinten gegen die Wand schlagen und sich das Genick brechen.
"Tschtt," schnalzte mein humpelnder Begleiter durch die Zähne. Das tut er permanent, keine Ahnung, was das für eine Übersprungshandlung ist, inzwischen hatten sich meine geplagten Nerven etwas daran gewöhnt. Ich breche mir ein Stück von dem mit seinem Schweizermesser feinsäuberlich akkurat gerade geschnittenen Baguette ab und hoffe, daß ihn das ärgert.

Unser letzter Morgen.
Es ist kühl, aber die Sonne ist ja noch gar nicht hinterm Berg hervorgekommen. Die Wolken können noch aufreissen, die Luft wirkt klarer. Nur mein Kopf nicht, ich fühle mich wie verkatert, obwohl ich gestern keinen Alkohol getrunken hab und die Party recht früh verlassen hatte.
Traurig bin ich. Ich würde gerne einfach hier bleiben.

Die letzten Tage hatte ein Ereignis das Nächste gejagt im kleinen Vueltas. Jeden Abend irgendwo Livemusik. Gestern dann in der Fußballerkneipe. Auch hier hatte die Freakshow komplett gewechselt, aber im Grunde sind es immer diesselben SäuferInnen. Hier wie in Kreuzberg. Der begabte Nachfolge-Bob-Dylan spielte ohne Unterlaß sämtliche Oldie-Highlights, bis die kleine Kneipe kochte. Dicke alte Herren schwangen erotisiert ihre Bierbäuche, im Herzen junggebliebene Frauen mit Falten und Übergewicht lachten mit roten Backen vom Hauswein, bis die Schminke verlief.
Ein paar Schweinebuchtler und solche, die es wohl gerne wären, standen cool mit ihre Bierflaschen oder Schnaps-Mix-Getränken - letzteres meist Frauen - herum, ein paar offensichtlich normalerweise hardcorehörende Touristen mit großflächig tätowierten Waden verließen überheblich genervt das Etablissement.
Auch hier gibt es, wie in Kreuzberg, Hundeliebhaber, deren Hunde sich gegenseitig anknurren und für Unruhe sorgen, und Hinterrücksgetuschel und Intrigen offensichtlich auch. Wichtigtuer verteilen schlüpfrige Blicke durch den Rauch- und Bierdunst, die Skatrunde ist zu betrunken, um weiterzuspielen. Die Stimmung steigt.
Ein attraktiver spanischer Stammgast kommt, er wankt schon und sieht mich leider mit glasigen Augen nicht mehr. Er sucht ein ruhiges Plätzchen, um sein großes Schnapsglas zu leeren, immer mit Wasser und Eiswürfeln gemischt. Wir unterhielten uns prächtig mit unserer Nachbarin, die länger hierbleibt, und einfach alles über die Dorfgemeinschaft weiß.
Einer unserer Obi-Laubenbewohner zum Beispiel, der, den ich durch unser Klofenster beobachten kann, vermietet seine zwei weiteren Betten an Touristinnen für 8 Euro unter, obwohl er nur 10 für die Laube mit Gemeinschaftsdusche- und küche bezahlt.
Wenn Marie Isabell das spitz kriegt, kassiert sie bestimmt extra ab. Doch so hält er sich wohl schon länger über Wasser. Mir waren die wechselnden Mitbewohnerinnen nicht entgangen.

Das Dorf ist wohl ein bißchen wie "Dallas" oder "Denver-Clan", nur wenige Familien beherrschen die Grundstücke und Apartamentos.
In einer kleinen spanischen Kneipe hatten wir Schwarzweiß-Fotos vermutlich aus den 50ger Jahren gesehen, nur ein paar Hütten und Lagerhallen, alles eine einzige riesige Bananenplantage. Das ist also die Wahrheit über die Hippies. Sie kamen in eine riesige Bananenplantage, die das Ökosystem der Insel fast komplett zerstört hatte, fühlten sich darin wohl. Und begründeten damit den Tourismus. Ein Mythos glattweg ermordet.
Die Schweinebuchtler waren ja fast abgesoffen bei dem großen Unwetter vor drei Wochen. Einige sind daraufhin weg. Soll wohl vor sieben Jahren das letzte mal so schlimm gewesen sein. Die letzten Tage der Hippies.

Mal sehen, ob es heute Abend nochmal was wird mit dem Sonnenuntergang vor der Maria. Das Wetter entwickelt sich gut, allen mißmutigen Wettervorhersagen zum Trotz. Aber ich wage keine Prognose. Die Flüge sind noch nicht bestätigt, bezahlt hat mein schwäbischer Begleiter bei der Enkelin im Grundschulalter, ohne Namen, ohne Quittung, ohne alles. Doña Marie Isabell weilt mal wieder auf Teneriffa. Eine klasse Wirtin. Ich genieße den mir liebgewordenen Blick von unserer Terasse.
Es bleibt spannend.

"Nice this promenade walking, isn't it?" sprach die freundliche, allein durch das Oxford-English vornehm wirkende alte Dame, die höflich gewartet hatte, als ich bei "meinem" Gummibaum - das sind hier große Bäume - ein letztes Erinnerungsfoto machte. Very nice! Das Wetter gibt nochmal alle Facetten, das Meer ist auch nicht mehr so dröge, glitzert in der Sonne, und ich versuche, die ganze Kraft der Insel in mich aufzunehmen. Die Luft ist jetzt wieder klar, alles strahlt in den schönsten Farben, kein Sandschleier mehr über allem, wie die letzten Tage.
Es brennt auf der Haut und ich verziehe mich unter meinen Gummibaum in den Schatten.

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Abreise, 08.03.2004

Gestern Abend gab es noch einen wunderschönen Sonnenuntergang vor der Maria, mit Trommeln, vielen Menschen, auch El Hierro tauchte wieder auf. Ich war mit unserer Nachbarin hingegangen, mein leidender humpelnder Begleiter war schon wieder betrunken gewesen. Schön wars, hat nochmal Kraft gegeben.
Später waren mein angetrunkener fußnachziehender Begleiter und ich ein letztes mal essen, beim hervorragenden Basken. Bei der Weinbstellung stichelte ich ein wenig und er regte sich sofort auf. "Brauchst keine Angst haben, daß du morgen neben 'ner Bierleiche sitzt." Nö, ich weiß, daß ich tun werden muß. Der riesige Berg Gambas ließ mich wieder versöhnlicher werden.
In der Fußballerkneipe gab unsere Nachbarin noch eine Abschiedsrunde, die Kneipe war fast leer, die Helden müde und betrunken, es hatte auch wieder Stress gegeben, wir hatten das Geschrei von weitem gehört.
Ein ca. 80 jähriger spanischer Alter gab noch mehr Wein aus und wollte, daß ich ihn in sein Apartamento begleite. Igitt. Tolle Ausbeute! Aber immerhin hab ich ihn verstanden. Inzwischen volltrunken humpelte mein schwäbischer Begleiter mit mir und unserer Nachbarin im Schlepptau bergan nach Hause, der 80 jährige Spanier guckte resigniert. Es gab noch eine kleine Abschiedszeremonie, ich war gut gelaunt und konnte tief schlafen, wie fast die ganze Zeit auf La Gomera.

Heute morgen um 6 Uhr ging es meinem trinkenden Begleiter natürlich schlecht - "Das Knoblauchöl war ranzig," meckerte er. "Ich glaub' eher die letzte Dorada am Nachmittag", knurrte ich, aber er verstand mich nicht.
Nun sitze ich hier im Hafen von Los Christianos auf Teneriffa und nehme Abschied, aber bestimmt nicht für immer.
Mir gehts verdammt gut.

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